Vier spannende Vorträge im September 2026:
Bei der 75. Neustädter Tagung des Breuberg-Bundes gab es zahlreiche Vorträge, vier davon hörte ich mir an.
- Norbert Allmann: zur historischen Entwicklung des Wildparks Eulbach
- Dr. Jürgen Jung: Virutelle Rekonstruktion zur Informationsvermittlung - die Burgenlandschaft
- Dr. Carolin Schreiber: das Kartular des Klosters Lorsch und seine Bedeutung für die Erforschung des Odenwaldes
- Dr. Benno Lehmann: Christian Wilhelm Kehrer, Veduten- und Jagdtiermaler am Hofe des Grafen zu Erbach
Auch wenn diese Vorträge vordergründig wenig gemein haben, machten sie doch recht nachdenklich. Sie informierten zunächst über ihr spezielles Thema, aber eines hatten sie gemeinsam:
Ein philosophischer Kernsatz: Was bleibt?
Welchen Quellen können wir heute noch trauen? Nachrichten werden von Künstlicher Intelligenz verfälscht (KI erzählt bis zu 40% Erfundenes!), Fotos werden so bearbeitet daß das tatsächlich abgebildete Motiv eine völlig andere Aussage bekommt, Avatare trällern die alten ABBA-Hits (nicht daß ich die vermißt hätte...). Die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Leidtragend unter der Allmacht der Künstlichen Intelligenz sind Autoren, Fotografen, Journalisten - und Künstler. Die Band „Velvet Sundown“ zeigt, wie Künstliche Intelligenz die Musikbranche beeinflusst. Über 1,3 Millionen Follower auf Spotify hören bereits zu und würden ihre neuen Idole gerne einmal persönlich treffen. Geht nicht, Deep Fake! Im Vergleich dazu agiert selbst das Team von Trump stümperhaft! Quelle: de Guggugg Jürgen Poth, ein echter Mensch aus dem Odenwald.
Immer wenn Sie in einer Rundfunkreklame oder in einer Filmszenenunterschrift lesen "mit KI generiert", dann wurde wieder ein Sprecher / Darsteller arbeitslos. Auch eine Gemeinschaft wie Wikipedia bleibt nicht verschont, und große KI-Firmen kaufen die Antiquariate leer, um ihre KI zu trainieren - und vernichten die historischen Werke danach!!! Mehr zum Thema KI lesen Sie bei uns hier - 100% Menschgemacht: Übersichtsseite Künstliche Intelligenz und Internet und in unserer Reihe des Jahres 2024-2025 Wie kommt man klar im "Zeitalter der Desinformation"?und der Reihe des Jahres 2025-2026 Die vorletzte Seite: Verbrauchertipps ohne "stasi".
KI ersetzt echte Menschen - und wer gewinnt am Ende?
Es braucht weder know how noch immensen Energieeinsatz oder Rechenzentren, um sich vorzustellen wie KI funktioniert. Dazu braucht es nur Vorstellungskraft - und zwar menschliche. Es wurde auch schon alles dazu gesagt: vor 60-70 Jahren beschäftigten sich kluge Köpfe aus verchiedenen Wissenschaftsbereichen mit dem Problem, indem sie das Thema - von dem in der Realität noch niemand etwas ahnte - literarisch betrachteten und mögliche Folgen weiterentwickelten. Sie machten das Genre der Science fiction einer breiten Leserschaft schmackhaft, und nichts von dem was wir heute in der Realität erleben, wurde ausgelassen. Die aktuelle Reaktion der KI-Größen Dario Amodei (Anthropic), Sam Altman (OpenAI) und Tech-Unternehmer Elon Musk auf die zunehmende Unfähigkeit KI zu bändigen ist bezeichnend. "Wir haben Scheiße gebaut, seht zu daß ihr das in Ordnung bringt". Die US-Regierung (aber auch wir in Europa und weltweit) sollen jetzt gemeinsam mit der Branche dafür Sorge tragen, daß KI-Sicherheit verbindlich wird.
Doch zurück zu den Quellen:
Rückschlüsse auf Vergangenes, Vorschau auf Kommendes
Wie sah Landwirtschaft vor 200 Jahren aus? Pflügten die Bauern parallel zum Hang (schützt den Boden) oder bergab (führt zur Abtragung des Bodens)? Die Antwort ist: mal so mal so. Regionale Maler wie Johannes Lippmann und andere aus dem Künstlerort Lützelbach stellen Äcker unterschiedlich dar. Auch wie der Wald sich in den letzten Jahrzehnten durch Umwelteinflüsse oder moderne Forstarbeit mit Fichtenplantagen verändert hat, zeigen viele Gemälde. Gemälde können als Grundlage z.B. für Denkmalschutz herangezogen werden, um das historische Erscheinungsbild weitmöglich wieder herzustellen.
Das Lorscher Kartular: ein Glücksfall mit paste and copy!
Auch Exzerpte (Auszüge) sind hilfreiche Quellen, um die Vergangenheit zu verstehen. So stellte Dr. Carolin Schreiber das Lorscher Kartular vor. Es ist ein ausgesprochener Glücksfall, daß dieser Band erhalten geblieben ist. Das Kartular ist eine Abschrift von inzwischen verschollenen Originaldokumenten, geordnet nach geografischen Gesichtspunkten, das heißt nach für das Kloster wichtigen Orten. Es umfaßt Dokumente aus dem Zeitraum von 1240-1608. 1621 wurde das Kloster durch die Spanier zerstört, und mit ihm auch alle Bücher - bis auf eben jenes Kartular. Frau Dr. Schreiber widmete der Edition 14 Jahre Arbeit und machte so die unterschiedlichsten enthaltenen Dokumente für Heimatforscher und Geschichtswissenschaftler zugänglich: nach geografischen, chronologischen und thematischen Gesichtspunkten wie etwa der Familiennamen-Erwähnungen.
Im virtuellen Archiv archivum laureshamense findet man zahlreiche weitere historische Quellen - sie bleiben der Nachwelt erhalten, auch wenn die Originale längst verschollen sind. Allerdings nur, wenn die Menschheit sich digitale und virtuelle Qellen zugänglich erhält.
Wo also wenige oder keine Originalurkunden erhalten sind, lassen sich durch Verknüpfung von Baubefund und schriftlichen Quellen wichtige Details für die Realisierung von denkmalgeschützten Bauten erkennen.
Vedouten-Malerei vor 200 Jahren: zeigen die Maler Realität?
Ein weiterer Vortrag wurde von Kunsthistoriker Dr. Benno Lehmann gehalten. Er zeigte an Beispielen der Jagdtiermaler am Erbacher Grafenhof, wo Realitätsabbildung enden kann: die Maler jener Tage machten sich vor Ort im Jagdgeschehen Skizzen und setzten diese dann im Atelier um - anhand von Tierpräparaten! So konnte es geschehen, daß Hirsch oder Rehbock beispielsweise in ihrer Beinmuskulatur nicht korrekt dargestellt sind. Erst die Fotografie zeigt die tatsächliche Haltung von Tieren: Galopp, Flucht, Anatomie in Bewegung. (Vedouten zeigen Landschaften)
Maler jedoch geben die Platonische Idee ihrer Sujets in ihren Gemälden wider. Und genau hier kommt KI ins Schlingern: legt man ihr einen aus Rasterkästchen konstruierten Schmetterling vor, so erkennt sie darin alles Mögliche, aber keinen Schmetterling. denn sie kann die platonische Idee eines Wesens nicht erkennen (https://www.news.at/menschen/kuenstliche-intelligenz-kunst-schwaeche-2026-rp1!) - was vom Suchmaschinen-KI-Chatbot energisch abgestritten wird.
Es bleibt also die Frage: In wieweit ist in Gemälden Realität abgebildet?
Auch historische Quellen geben Realität gefärbt wieder. Zuerst wird dargestellt, was im Auge des Malers ankommt und wie - unter welchen Aspekten - er es einordnet. Was ist ihm wichtig? Vielleicht ist ihm ein Acker mit bergablaufenden Furchen in den Sinn gekommen, weil sich die Linien so schön im Hauptgegenstand wiederfinden? Wir werden es niemals wirklich wissen.
Auf die Darstellung des Künstlers folgt die Rezeption: ich schaue mir das Gemälde an. Was denke ich dabei? Wie fühle ich mich heute? Worauf kommt es mir an? Das sind schon drei verschiedene Sicht-"Brillen". Aber sehe ich eine Realität? Am Ende genau die Realität, die der Maler vor 200 Jahren sah?
Virtuell und digital: eine Burg des 13. Jahrhunderts heute erleben!
Burgruinen gibt es viele, und Mittelaltermärkte und -vereine ebenfalls. "Historisches Treiben" nennt sich das, aber wieweit reicht das tatsächliche Sein des 13. Jahrhunderts ins moderne Erleben hinein? Eine schwierige Frage... Was immerhin möglich ist: eine virtuelle Reise durch eine solche Burg. Das Netzwerk Burglandschaft widmet sich der Idee, eine Burgruine zu virtuellem Leben zu erwecken. So etwa in Lindenfels: Mittelalter digital erleben: Neues 3-D-Modell und digitale Panoramen im Geopark-Infozentrum auf Burg Lindenfels eingeweiht.
Das Burgen- und Schlössernetzwerk Burglandschaft widmet sich in zahlreichen Projekten der Sichtbarmachung mittelalterlichen Lebens. Auch Klöster, Stadtbefestigungen und Ringwallanlagen gehören dazu. Über 30 Burgen lassen sich so erkunden. Es werden neben historischen Mittelalterfesten auch Ferienspiele und Aktionstage für Schulen angeboten und es gibt einen Burgenführer für Kinder mit Ritter Roland.
Doch wie fördern die Forscher - Geografen, Historiker, Architekten, Archäologen und Grafiker - die Substanz für ein 3D-Modell zutage? Lassen sie ihre Erkenntnisse durch eine KI in Szene setzen?
Das kann keine KI: Geschichte lebendig werden lassen
Ich fragte Dr. Jung, ob bei der Umsetzung in 3D-Modelle viel mit KI gearbeitet wird. Die Antwort: NEIN. KI könne das Gesamtkonzept nicht in allen Aspekten korrekt erkennen und wiedergeben. KI wird nur zur naturrealistischen Überarbeitung eingesetzt, um alles passend zum 13. Jh zeigen zu können. Das ERgebnis muß aber kontrolliert werden, weil KI nicht unbedingt weiß, auf welche Details es ankommt. Es werden verschiedene Datenbanken herangezogen, zum Beispiel für Pflanzen, die im 13. Jahrhundert in unserer Region vorkamen. Baustrukturen die unter Putz liegen, können mit der Thermofunktion im Smartphone sichtbar gemacht werden. Die Erstellung mit CAD dauert mehrere Monate und wird ausschließlich von Menschen durchgeführt. Details, die nicht eindeutig dargestellt werden können, bleiben im "Nebel" (Schätzing nennt das in seinen Romanen "unprogrammierter Raum").
Noch etwas zur Frage "Was bleibt"?
Ein weiterer Vortrag wurde von Norbert Allmann aus Vielbrunn gehalten. Er erlebte das, wovon jeder Heimatforscher träumt: eines Tages brachte ihm jemand eine Schatulle aus Schwarzblech. Sie wurde im Sperrmüll gefunden. Zunächst hielten die Finder sie für eine alte Ofenplatte. Erst bei genauerer Untersuchung durch Allmann zeigte sich, daß man das Teil öffnen konnte. Darin kam ein Siegel aus Holz und Wachs zum Vorschein, mit 15cm Durchmesser. Darunter lag ein schriftliches Dokument, eines von drei Original-Vertragsexemplaren! Im Sperrmüll!!!! Eine Abschrift dieses Vertrages aus der Zeit von Graf Franz I liegt im Stadtarchiv Erbach.
Angesichts eines solchen Fundes fragt man sich "Was bleibt in 500 Jahren von unserer Kultur?" Was werden künftige Forscher finden, um unser Jahrzehnt, unsere Lebenswelt, unsere - noch - menschliche Existenz, bevor die KI alles übernommen haben wird, zu dokumentieren? Geben Sie einfach das Suchwort "Müll" auf unseren Seiten ein oder lesen Sie meinen Beitrag "Was wäre Archäologie ohne Müll", dann finden Sie zum Beispiel die Geschichte von Haithabu, einer Wikingerstadt, die 1000 n. Chr. im Müll versank.
Was bleibt also in 500 Jahren? Eine Schwarzblechschatulle vom Sperrmüll - falls die Müllentsorgung bald so unzuverlässig wird wie Bahn, Post und andere "Dienstleistungen"?
Marieta Hiller
Lesen Sie dazu bitte auch das Märchen "Der Bücherwurm"!