Artenvielfalt im Odenwald: Strategien von "Unkraut"

1. Artenvielfalt in kleinräumiger Landschaft: Führung im Juli 2026 mit Dr. Sonnberger
2. für Forscher: Kartierungstage mit der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland e.V. 
3. Spaß für Laien mit Extranutzen: die App Flora Incognita

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Zu einem botanischen Spaziergang mitten im heißen Juli 2026 lud der Förderverein Odenwälder Apfel e.V. seine Mitglieder ein. Wie sich der Bewuchs verschiedener Flächen in der kleinräumigen Landschaft des Odenwaldes unterscheidet - je nach Wasser- und Nahrungsangebot, Nutzung und Historie - erläuterte Dr. Markus Sonnberger vom Landschaftspflegeverband Odenwaldkreis bei einer dreistündigen kurzweiligen Führung durch Wiesen, Felder und Wald.

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Kleinräumig ist die Odenwälder Landschaft: die Hügel und Täler lassen nur begrenzte Parzellen für Wald, Acker und Wiese zu. Wie sich die Vielfalt der Arten sowie die Vielfalt innerhalb der Arten an verschiedenen Standorten zeigt, erfuhren die Teilnehmer dabei. Im Odenwald gibt es etwa 2000 Pflanzenarten, die sich in weitere Familien unterteilen. Der Apfel in seiner regionalen Vielfalt (oder seiner Supermarkt-Einfalt der immer gleichen mehr oder weniger langweiligen Fünf: Braeburn, Golden Delicious, Gala, Granny Smith und Elstar) stellt die Art dar. Die Sorten sind Klone der Art "malus domestica". Lesen Sie dazu auch: Mit dem eigenen Obstbaum die Apfelallergie vergessen - eine umfangreiche Sortenliste des BUND Lemgo.

Gleich zu Beginn des Spazierganges machte Dr. Sonnberger auf die "Unkräuter" am Feldrand aufmerksam:

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"Unkräuter" sind übrigens Pflanzen, die die gleiche Daseinsberechtigung wie Nutzpflanzen haben, nur daß sie versehentlich am verkehrten Platz wachsen.

So zum Beispiel das "Superfood" weißer Gänsefuß oder Ackermelde: er gehört zu den Amaranthgewächsen wie Spinat oder Quinoa und seine Samen stellten früher eine reichhaltige Nahrungsquelle für Menschen dar. Blätter, Pflanzensaft und Samen sind wertvoll für unzählige Insekten, Raupen und Vögel.

Ein Zeichen für zu hohe Volldüngung durch Luft und Niederschlag ist die Brombeere. Sie überwuchert alles, sofern sie nicht regelmäßig gemäht wird. Das führt zur Verarmung der Artenvielfalt. Es ist daher wichtig, die Ranken abzumähen und sofort heimisches Saatgut nachzusäen, damit das Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Dieses regionale Wild-Saatgut finden Sie entweder hier: https://www.bfn.de/daten-und-fakten/ursprungsgebiete-regionalen-gebietseigenen-saat-und-pflanzgutes-krautiger-arten oder Sie sammeln auf einheimischen Wiesen selbst die Pflanzen, die dort wachsen.

Es gibt etwa hundert heimische Wildbrombeeren, darunter der invasive Neophyt armenische Brombeere. Diese gelangte über Gartenmärkte in die Natur, in der Schweiz ist ihr Verkauf oder das Pflanzen verboten. Ihre Ranken überwuchern ungepflegte Baumbestände und erobern Ast für Ast den Wipfel. Dann bricht der Baum unter der Last zusammen, und die Brombeere bildet ein undurchdringliches Gestrüpp, das letztlich nur noch Wildschweinen Unterschlupf bietet. Wie die Brombeere weist auch die Brennessel auf zu hohe Dungdichte hin. In historischen Dokumenten (Gemälden, Berichten) ist sie daher eher selten.

Auf Flächen, die - beispielsweise aufgrund ihrer unzugänglichen Hanglage - seit vielen Jahrhunderten nur als Wiese genutzt werden, stellt sich eine ganz andere Artenvielfalt dar: zum Beispiel die Wilde Möhre. Besonderheit: in der Mitte der Blütendolde ist ein schwarzes "Insekt", das für echte Insekten unglaublich interessant wirkt.

Wiesen, die bis vor einigen Jahrzehnten noch als Acker genutzt wurden, zeigen wieder andere Pflanzengesellschaften, Schafgabe und schwarze Flockenblume zum Beispiel oder die gelben Lippenblüten des Hornklee.

Dr. Sonnberger berichtete auch von mißglückten "Umsiedlungsmaßnahmen": heutzutage findet man in der Natur überall Neophyten, also Pflanzen, die ursprünglich nicht hierhergehören. Oftmals breiten sie sich rücksichtslos aus und zerstören die heimische Artenvielfalt, da sie keine lokalen Feinde vorfinden. Bestes Beispiel ist das indische Springkraut. Es breitete sich rasend schnell aus, im vorderen Odenwald fiel es erstmals etwa um 2005 auf in den Wiesen um Fürth auf. Jahr für Jahr wanderte es das Kolmbachtal hinauf und im Sommer 2010 blinkten seine hübschen rosa Blüten schon oberhalb von Lautern. Zur gleichen Familie gehört das kleine Springkraut, ebenfalls ein Neophyt aus dem Altaigebirge. Aber es fügt sich in die heimische Pflanzengesellschaft ein. 

Menschen versuchten auch, Nährpflanzen auf anderen Kontinenten heimisch zu machen, was jedoch oft nicht funktionierte: damit Luzerne oder Alfalfa wächst, benötigt die Pflanze die Hilfe von der Blattschneiderbiene, der Rotklee dagegen kann ohne Hummeln nicht gedeihen. Die Insekten mußten dann ebenfalls in Amerika oder Australien angesiedelt werden. Über die Abhängigkeit zwischen Pflanze und Insekt lesen Sie bitte auch: Gemeinsamer Einsatz für die Wiesenknopf-Ameisenbläulinge

Die Artenvielfalt auf vernachlässigten Obstwiesen verarmt aufgrund der Bodenauflage, wenn nicht regelmäßig gemäht wird. Fehlt die Pflanzenvielfalt, geht auch die Insektenzahl zurück, und mit ihr die der Vögel.

Weiter führte der Spaziergang hinauf in den Wald. Zunächst zeigte Dr. Sonnberger, wie wenig Biodiversität es in einem Buchenhochwald gibt. Dagegen sei der Niederwald wie auf dem Foto sehr viel artenreicher. Früher wurde der Wald vielfältig genutzt, was ihn stark prägte: Laubsammeln, Brennholz, Rinde für die Gerberei, Früchte und Pilze, Hackwaldwirtschaft sorgten für eine Waldform, die wir heute kaum noch vorfinden. Die Mär von den ewigen Urwäldern räumte Sonnberger ebenfalls aus: um das Jahr 1000 n. Chr. war der Odenwald kaum bewaldet. Und ein "neuer" Urwald kann sich kaum entwickeln, da die Pflanzengesellschaft irgendwann zusammenbricht. 

Infoblock:

  • Der Förderverein Odenwälder Apfel e.V. engagiert sich seit über 30 Jahren für Pflege und Erhalt der Odenwälder Kulturlandschaft "Streuobstwiese". Unter dem Motto "Landschaft - Vielfalt - Heimat" sowie der Idee, Naturschutz durch Naturnutzung zu unterstützen, sind ca. 120 Mitglieder aktiv in Naturpflege und Vermarktung der vielfältigen heimischen Produkte von Streuobstwiesen.

Da sich die Mitgliederstruktur des Vereins im Laufe der Jahre stark gewandelt hat, gab es einige Änderungen: Seit seiner Gründung 1996 setzte sich die Mitgliederschaft vorwiegend aus Gastronomen, Kelterern und Brennern sowie Handwerksbetrieben zusammen, unterstützt von Odenwälder Kommunen und Verbänden. Zusammen mit zahlreichen Fördermitgliedern legten und legen die ca. 120 Mitglieder großen Wert auf die Pflege und Nutzung von Odenwälder Streuobst, die Vermarktung der guten Produkte stand im Vordergrund. Inzwischen gab es zahlreiche Betriebsschließungen aufgrund der Pandemie, der gestiegenen Preise und geändertem Verbraucherverhalten. So sind heute im FOA noch 41 gewerbliche Mitglieder, die jedoch durch eine stetig steigende Zahl Fachwarte ergänzt werden.

Besonders zur Unterstützung der ideellen Mitglieder - Fachwarte, Fördermitglieder und alle Interessierten - bietet der Verein seit einiger Zeit neben dem regelmäßigen Fachwartestammtisch auch Infoveranstaltungen unter dem Titel "Netzwerk Streuobst" an. In diesem Rahmen fand auch der botanische Spaziergang mit Dr. Markus Sonnberger vom Landschaftspflegeverband Odenwaldkreis statt. 

Über weitere interessante Veranstaltungen des Netzwerks Streuobst finden Sie Beiträge hier: zum Beispiel über den Sensenkurs im Juni 2026.

  • Die Landschaftspflegeverbände Odenwaldkreis, Kreis Bergstraße und Darmstadt-Dieburg wurden in den letzten Jahren gegründet mit dem Ziel konkrete Projekte in Zusammenarbeit mit Kommunen, Naturschützern und Landwirtschaft umzusetzen.

Davon profitieren alle Beteiligten - eine "Win win win Situation" - die Arbeit der Landschaftspflegeverbände nutzt allen! Infos: https://www.hessen.dvl.org/lpv-vor-ort

Wer sich über eine App wie Flora incognita für Artenvielfalt interessiert: dazu gibt es im nächsten Monat einen Bericht!

1. August 2026: eine Kartierungstour in Beedenkirchen

Sechs Ehrenamtliche der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland e.V. trafen sich unter dem Motto "Kleinstrukturierte Offenlandschaft, Waldränder" im Naturraum Vorderer Odenwald unter Leitung von Karsten Böger in der Schlössergasse Beedenkirchen. Die Botanische Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland e.V. (BAS) vereint Botaniker aus Wissenschaft und Praxis und interessierte Laien mit Freude an der heimischen Pflanzenwelt auf einer gemeinsamen Plattform: https://www.botanik-sw.de/BAS/module/wordpress/

Ziel der BAS ist die Erforschung der Pflanzenwelt Südwestdeutschlands. Hierzu gibt es die Schwerpunkte 

  • Vermittlung und Vertiefung von Pflanzenkenntnissen,
  • Durchführung und Betreuung floristischer Kartierungen,
  • Untersuchung der Verbreitung, Ökologie und Vergesellschaftung von Arten,
  • Dokumentation der Flora und Vegetation der Landschaften Südwestdeutschlands,
  • Bewahrung und den Schutz der heimischen Flora,

und die Fundort-Datenbank in der alle Kartierergebnisse dokumentiert werden, so daß man gezielt nach Artenvorkommen suchen kann.

Einmal im Monat von Mai bis Oktober treffen sich Interessierte für vier Stunden zur Kartierung. Am 1. August setzte sich die kleine Gruppe aus Spezialisten und Amateuren zusammen, die gemeinsam eine hitzedürre Wiese direkt an der Schlössergasse untersuchten und später hinauf in den Schatten Richtung Felsberg zogen.

Einfach nur dürres Gras? Das wäre viel zu einfach. Hier wachsen unzählige verschiedene Gräser, die sich oft nur in winzigen Details unterscheiden. Aber die Kartierer entdecken diese Details. Einige tragen sie klassisch analog mit Stift in eine Liste ein, andere tippen sie in ihre App ein, wo alle Daten (Koordinaten, Datum, Uhrzeit) hinterlegt werden. Allerdings ist das mit der Datenerfassung so eine Sache: manche Pflanzen lassen sich nur während der Blüte eindeutig zuordnen, andere sind inzwischen (Anfang August) bereits so verdorrt daß sich nichts mehr erkennen läßt. Deshalb ist es sinnvoll, eine Fläche mehrfach zu verschiedenen Jahreszeiten zu erfassen - viel mühevolle Arbeit für eine Handvoll Ehrenamtliche...

Erstaunlich viele Funde sind Neophyten (Arten die nicht allein auf natürlichem Weg aus eigener Kraft, sondern durch den Einfluss des Menschen in ein Gebiet einwandern, in dem sie zuvor nicht heimisch waren - Wikipedia. Erst wenn sie sich selbständig über mehrere Generationen erhalten können, gelten sie als etabliert). Eine ganze Hecke aus Schneebeere (Knallerbsen) am Wasserwerk oberhalb der Schlössergasse zeigt, wie sich ein invasiver Neophyt ausbreitet. Dabei nimmt er heimischen Pflanzen die Lebensgrundlage, so daß sich ein ganzes Biotop verändert. Die Schneebeere ist bei Imkern beliebt, da sie ein guter Lieferant für Bienen ist. Sie steht auch noch in einigen kommunalen Listen für ortstypische Pflanzen, zum Beispiel für Neubaugebiete oder wie sie zu Baugenehmigungen beigelegt werden. Diese Listen sind seit mehreren Jahrzehnten nicht aktualisiert worden, tragen somit dem Klimawandel nicht Rechnung. Oft findet man die gleichen Listen im gesamten Odenwald, also egal ob das Granit, Sandstein oder Muschelkalk ist im Untergrund. 

Ein solcher invasiver Neophyt ist auch das weiße Berufkraut. Es kommt aus den Tropen, und vor einigen Jahren hatte es sich bei uns im Garten sehr stark ausgebreitet. Da es jedoch einjährig ist, genügt es die Pflanzen am Blühen zu hindern (abschneiden), ähnlich wie beim Drüsigen Springkraut. Anders dagegen die blutrote Fingerhirse: 

 

sie tritt oft in Maisfeldern auf und kann auf dem kleinsten Krümel Boden überdauern. Inzwischen wächst sie auch zwischen unseren Tomaten...

Die Robinie (Silberregen) wird gerne zur Stabilisierung von Böschungen gepflanzt, da sie schnell und gründlich wurzelt. Aber auch sie ist ein invasiver Neophyt, zudem giftig für Pferde, in der Schweiz wird die Art auf der Schwarzen Liste der invasiven Neophyten geführt.

Apropos Listen: es gibt zahlreiche Datenbanken, jedes Bundesland nutzt ein anderes System, und oft lassen sich verschiedene Datenbanken nicht zusammenführen. In welcher Datenbank die beliebte App Flora incognita die Funde der verschiedenen citizen science Projekte sammelt und wer auf sie zugreifen kann, darüber lesen Sie demnächst auf dieser Seite.

Wer Interesse hat, an einer der Kartierungsaktionen teilzunehmen, kann sich hier informieren: https://www.botanik-sw.de/BAS/module/wordpress/?page_id=1059

Marieta Hiller, Juli / August 2026