Neuzeitliche Steinindustrie im Felsberg

Nachdem die Römer ihre Hämmer niedergelegt und den Felsberg verlassen hatten, herrschte Ruhe bis ins späte neunzehnte Jahrhundert. Damals kamen böhmische Steinmetze auf der Wanderschaft durch den Odenwald und entdeckten dabei den Felsberg-Granit. Das war etwa um 1879.

Auf ihrem weiteren Weg kamen sie ins Fichtelgebirge und berichteten dort vom Felsberg. Daraufhin machten sich zwei Brüderpaare aus Weißenstadt und Wunsiedel im Fichtelgebirge auf, um den Felsberg-Granit näher zu untersuchen. Denn der Felsberg lag verkehrsgünstiger zum Ruhrgebiet, wo während der Gründerzeit das Hauptgebiet wirtschaftlicher Entwicklung lag, und der Transport der dort benötigten Werkstücke war vom Odenwald her preiswerter als aus dem Fichtelgebirge und dem Böhmischen. Man nutzte damals hauptsächlich das gut ausgebaute Eisenbahnnetz. Die Gebrüder Kreuzer und Böhringer ließen sich dann tatsächlich in der Gegend nieder und begannen mit Steinabbau und Bearbeitung. Die Steine des Felsberges wurden aufgrund ihrer Fleckenhäufigkeit vorwiegend für die Industrie bearbeitet. Wie schon die Römer betrieben die modernen Steinhauer Findlingsgräberei, während sie im Fichtelgebirge überwiegend geschlossenen Fels abbauen konnten. Bald nach den ersten Steinhauern aus dem Fichtelgebirge kamen weitere von dort, aus der Oberpfalz und aus dem bayrischen Wald hinzu, auch Einheimische erlernten den Beruf des Steinhauers, manche kamen auch über den Umweg der Bildhauerei dazu.

In den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren zwischen 600 und 800 Steinhauer im Felsberg in etwa 15 verschiedenen Betrieben beschäftigt. Als Abtransportwege aus dem Felsberggebiet wurden vorwiegend zwei Möglichkeiten genutzt: durch die Graulbach, das Tal zwischen Beedenkirchen und Reichenbach. Hier ist zwischen 1900 und 1910 die Straße ausgebaut worden, vorher hieß es die alte Chaussee; der zweite Weg führte über das Schnapsloch zum heutigen Naturparkplatz Talweg in Reichenbach; auch eine dritte Möglichkeit über den Sattel nach Hochstädten und Auerbach gab es. Die vorhandenen Waldwege mußten ausgebaut werden, um den Transport der tonnenschweren Stücke bewerkstelligen zu können.

Die Pflege der Waldwege im Felsberg, die bis zum heutigen Tag weitgehend in gutem Zustand sind, oblag ab dieser Zeit den Steinbetrieben. Die Förster überwachten dies, und die Gemeinde Lautertal profitiert bis heute von den soliden Weganlagen. Von den Werkplätzen bis zur nächsten Bahnverladestelle wurden die Werkstücke mit Pferdefuhrwerken befördert, später mit LKWs.

Die ersten Steinbrüche waren unterhalb und seitlich des Felsenmeeres, später gründete man weiter oben neue Brüche und nutzte die Unteren als Abraumhalde. Man findet an jedem Steinbruch im Felsberg an der Hangseite den Bruch, eine Aushöhlung, und an der Talseite eine Schutthalde. Auf diese Weise erfuhr der Felsberg in den neun Jahrzehnten der modernen „Steinzeit“ eine mannigfache Veränderung seines Aussehens. Besonders im Nordostteil, an den großen Wegschleifen zwischen Sarg und Schiff, ist die Bergform völlig zerklüftet und umgewälzt. Über den Weg führte knapp vor der Haarnadelkurve eine hohe Brücke, über die Erdaushub und Abfälle auf die Halde gebracht wurden. Unweit der Brücke, im Lochwiesengerölle, standen Werkshütten und Eßräume, auch ein zwölf Meter tiefer Brunnen war gebohrt. Heute zeugt von der einst emsigen Betriebsamkeit kaum noch etwas.

Doch diese Betriebsamkeit hatte auch ihre dunklen Seiten: so hatten die neuangesiedelten ebenso wie die einheimischen Steinunternehmer, die ja meist zuvor selbst Steinarbeiter waren, die Gegend um den Felsberg für ihre Unternehmen ausgewählt, weil hier die Arbeiten direkt in den Brüchen ausgeführt werden konnten, ohne daß man in den Steinbearbeitungszentren aufwändige Steinmetzwerkstätten betreiben mußte. Man stellte in den Steinbrüchen Rohlinge und Werksteine einfacher und mittlerer Qualität her. Das war nach Bedarf und Steinbeschaffenheit ausreichend, besondere Ateliers waren schon deshalb nicht erforderlich.

Hier auf dem Lande waren Arbeitskräfte wesentlich billiger zu bekommen. Wie billig die Steinarbeiter wirklich waren, belegen Zeitungszitate aus den Jahren der großen Steinarbeiter-Aussperrung 1905: im Fichtelgebirge erhielt ein Arbeiter 16 Mark für den Quadratmeter Granit, während im Odenwald 3 bis 4 Mark weniger bezahlt wurden. Ein Steinmetz erhielt hier bei elfstündiger Arbeitszeit an sechs Tagen die Woche 3,50 Mark pro Woche, ein Steinschleifer kam auf 2,20 bis 3 Mark. Zu der langen Arbeitszeit kamen noch die zum Teil weiten Fußwege zum Arbeitsplatz. Noch bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges brachten viele Frauen ihren Männern das Essen zu Fuß in den Felsberg, manche von Gadernheim aus. Das sind gut zehn Kilometer hin und zurück! Doch die Frauen waren damals nicht nur Hausfrauen: in einer Verordnung mußte eigens festgelegt werden, daß den Arbeitern ein beheizbarer Unterkunftsraum mit Fußboden sowie eine Bedürfnisanstalt zur Verfügung gestellt werden mußte. Frauen und Jugendliche durften nicht zur Steingewinnung und zur Rohaufbereitung eingesetzt werden, Jugendliche durften Steine nicht trocken bearbeiten und Arbeiterinnen durften überhaupt keine Arbeiten mit Staubentwicklung übernehmen.

Es blieb nicht aus, daß sich die Arbeiter organisierten, um bessere Bedingungen aushandeln zu können. Der Effekt war allerdings zunächst, daß die Unternehmer alle gewerkschaftlich organisierten Arbeiter im November 1905 fristlos auf die Straße setzten. Die Mainzer Volkszeitung prangerte am 16.12.05 an, daß es einstige Arbeiter sind, die den Proleten (gemeint sind Proletarier, Anm. d. Autorin) des Odenwaldes diese Hungerweihnacht bescherten. Es wurden Geldsammlungen durchgeführt, um die Ausgesperrten und ihre Familien mit Nahrung und Heizung zu versorgen. Die Volkszeitung schreibt: “es gilt, Not und Sorge, Kälte und Hunger von fast 600 Personen fernzuhalten. ... In nicht ganz 15 Jahren erwarben sich die Unternehmer ein Vermögen von über 14 Millionen Mark! Einige hundert Arbeiter aber müssen darben, um diesen Drohnen ihre Millionen zu vermehren.“ Viele zeigten sich solidarisch: so spendeten unter anderem auch die Arbeiter der Brauerei Guntrum in Bensheim; ein Gasarbeiter gab 50 Pf., die Holzarbeiter-Zahlstelle 50 Mark. Der Streik dauerte fünfzehn Wochen. 1911 kam es zur zweiten Steinarbeiteraussperrung, der darauf folgende Arbeitskampf dauerte sogar 24 Wochen. In den Betrieben stapelten sich die Aufträge, und die Unternehmer boten hohe Geldsummen für Streikbrecher. Doch weder ließen sich die Einheimischen kaufen, noch hatten auswärtig angeheuerte Arbeiter eine Chance: keiner der 15 Reichenbacher Wirte hätte ihnen ein Zimmer vermietet.*

Die Steinarbeiter mußten hart um Rechte und besseren Lohn kämpfen, es wird aber auch berichtet, daß nicht wenige Steinunternehmen an wirtschaftlichen Schwierigkeiten zugrundegingen. Dennoch brachten die Steinbrüche und damit verbunden die Steinindustrie einen wirtschaftlichen Aufschwung in die Region. Für viele bedeutete dies Arbeit und Brot und damit einen Weg aus der Armut heraus. Es war jedoch leider auch weit verbreitet, daß Familienväter ihren Lohn vertranken und so die bittere Armut ihrer Familien verlängerten.

Der erste Weltkrieg schließlich brachte Arbeitern wie Unternehmern andere Sorgen, und fünf harte Nachkriegsjahre endeten mit der Inflation 1923. Mit Einführung der Reichsmark begann eine langsame wirtschaftliche Erholung auch für die Steinindustrie, die jedoch durch die Weltwirtschaftskrise 1929 jäh unterbrochen wurde. Danach folgten die berüchtigten tausend Jahre, die auch im Odenwald ihre Spuren hinterließen. Der Felsberg-Stein konnte allerdings nicht für die Prunkbauten der NS-Zeit verwendet werden, da er zu schwarzfleckig war. Als die sogenannten Reichsparteitagsbauten erstellt wurden, kamen die Felsberger also nicht zum Zug. Lediglich für  das Tannenberg-Denkmal wurde hier auf der Bockshöhe bei Beedenkirchen Stein gewonnen. Dieses Denkmal war 1927 bei Olsztynek in Polen von Hindenburg errichtet worden, der dort auch beerdigt wurde. 1936/37 restaurierten die Nationalsozialisten das Monument, gegen Ende des zweiten Weltkrieges wurde es schließlich vor dem Anrücken der roten Armee auf Befehl Hitlers gesprengt.

Der Felsberg-Stein wurde hauptsächlich für Grabeinfassungen, Sockel, einfachere Werksteine sowie neue Grenzsteine, trigonometrische Punkte und Straßengrenzsteine verwendet, da man in den 30er Jahren mit der Flurbereinigung begonnen hatte. Einige Steinbetriebe schlossen sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, um im dritten Reich die weniger heikel bewerteten Arbeiten - Treppen für Schulen, Kasernen usw., soweit es staatliche Aufträge waren - übernehmen zu können. Nach dem Krieg wurden neben Grabeinfassungen hauptsächlich Randsteine für Frankfurt und Arbeiten für das Straßenbauamt Mainz hergestellt. Bis 1955 waren die Straßenleitsteine aus Granit, ihre Größe entsprach ideal dem Spaltmaß des Felsberg-Granites. Das Stück kostete damals 27.- DM. Dann kam das Aus: die Granit-Straßenleitsteine mußten durch die heutigen Leitpfähle ersetzt werden, da sie zu gefährlich und zu teuer waren. Das führte zur Krise in den Steinbruchbetrieben, zumal auch damals schon die im Steinbruch gearbeiteten Grabeinfassungen und Sockel zeitweilig vom Kunststein verdrängt wurden. Hinzu kam die Möglichkeit der maschinellen Herstellung, wobei die hohe Fleckenhäufigkeit des Felsberg-“Granites“ ein gravierender Nachteil war.

Ein Unternehmer berichtete von der Erhöhung der Löhne in den Jahren 1953 bis 1955 um 45 %, um die Abwanderung guter Steinmetze an den Bau zu verhindern. Dem gegenüber standen nur 5 % Steigerung im Verkauf. Zum Glück konnten bis 1956 noch alle anstehenden Aufträge der Straßenleitsteine ausgeführt werden. Danach verlegte man sich meist ganz auf Grabsteine.

Das Steinhauer-Wissen, das die Fichtelgebirgler in den Odenwald brachten, führte zu wesentlich besseren Ergebnissen, gemessen an den Werkstücken der Römer. Diese hatten ihre Kenntnisse aus der Marmorbearbeitung, einer weichen Gesteinsart. Im Felsberg dagegen steht hartes Tiefengestein an. Man spricht zwar immer vom Felsberg-Granit, doch ist es eigentlich kein Granit, sondern Melaquarzdiorit. Er spaltet polygonal wie der Granit, aber eben nicht orthogonal, also rechtwinklig, sondern  schräg. Die modernen Steinarbeiter verwendeten gegenüber den großen Keiltaschen der Römer wesentlich verfeinerte Techniken. Italienische Steinarbeiter brachten in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts die Bonjet-Methode mit. Bonjet stammt vom italienischen Begriff Bonjeto, er ist in manchen älteren Büchern auch als Punschett- oder Punzett-Methode zu finden. Der Name rührt von der Technik des Punzierens her, dabei werden kleine Vertiefungen in eine Oberfläche geschlagen. Dementsprechend waren die Bonjet-Keile klein, sie wurden in dafür geeignete Keilungen gesetzt und langsam auf Spannung getrieben, bis der Stein spaltete. Für die Blockgewinnung nahm man Schwarzpulver zur Hilfe: dieses Sprengmittel hat den großen Vorteil einer nur treibenden Wirkung im Gegensatz zur Sprengwirkung von Dynamit. Ein dünnes Bohrloch von maximal 25mm Durchmesser wurde in der Gangrichtung bis zu 3 Meter tief in den Stein gesetzt - wohlgemerkt mit dem Handbohrer: einer dreht den Bohrer, dann folgt ein Hammerschlag, darauf ein Fäustelschlag, dann wird der Bohrer wieder gedreht usw. Da waren zwei Steinarbeiter schon einmal einige Tage beschäftigt! Unten ins Bohrloch kamen ca 80-100g Schwarzpulver ohne Stopfung. Die Detonation trieb den Stein allmählich auf, vorausgesetzt, man hatte die Gangrichtung richtig erkannt. In der Nachkriegszeit kam eine weitere Technik der Steinspaltung hinzu: die Schwedenkeile.

Die Bohrungen für diese Technik konnten nur mittels Preßluftbohrer hergestellt werden, die Spaltung war eine Federkeilspaltung. Die schwedischen Steinarbeiter hatten diese Methode entwickelt. Die schwedische Steinbearbeitung beruhte vor der Rohsteingewinnung im 19. Jahrhundert auf der Herstellung von Pflastern aus Süd-Mittelschweden, wovon vieles auch in die norddeutschen Städte geliefert wurde.Die Schweden erfanden das „gebundene Schwarzpulver“ in Form von langen dünnen Stäben, was für die Detonation in größeren Bohrlochlängen zum Schnüren (Sprengspalten großer Blöcke aus der Wand) erhebliche Verbesserungen brachte, ohne den Stein strahlenförmig vom Bohrloch aus zu beschädigen.

Das benötigte Schwarzpulver bezogen alle Steinbrüche des Felsberges wie auch der näheren Umgebung über die Gadernheimer Firma Bickelhaupt, dessen Schwiegersohn heute noch die Konzession zum Sprengstoffhandel innehat. Im Volksmund heißt er der „Pulver-Philipp“, und im Wald der Neunkircher Höhe sind mehrere Bunker zu sehen, in denen die explosiven Stoffe gelagert werden.

Während Steinwerkplätze, die zu nahe beim Hauptstrom des Felsenmeeres lagen, bereits 1937 aus Naturschutzgründen geschlossen wurden, arbeiteten zahlreiche Betriebe noch bis in die 60er Jahre weiter. 1971 schließlich hörte jegliche Steinbearbeitung im Felsberg auf.

Der FAD-Stein im Felsberg

Direkt oberhalb des Riesenschiffes im Felsenmeer findet sich der Stein mit der eingemeißelten Inschrift "FAD Borstein 1933". Den Hinweis auf diesen Stein erhielt ich von Familie Bernhardt aus Beedenkirchen. Georg Bernhardt, 1949 in Beedenkirchen geboren und zur Schule gegangen, erinnert sich noch daran, daß sein Großvater Peter Bernhardt an diesem Weg (gelbe Markierung Nr. 5 im nordöstlichen Felsberg) mitgearbeitet hat. Der Stein muß noch lange Jahre nach Ende des 3. Reiches neben der besagten Inschrift ein Hakenkreuz getragen haben, denn nach Georg Bernhardts Erinnerungen mußten die Schüler der 7. und 8. Klasse dieses Hakenkreuz entfernen, das wäre also erst 11-12 Jahre nach Kriegsende gewesen. Ein weiterer FAD-Stein mit Inschrift steht im Neunkircher Wald sowie auf dem Krehberg. Marieta Hiller, Oktober 2016

Aus: Marieta Hiller, Abenteuer Felsberg 2007.