Gerade nochmal gutgegangen: Grube Messel wurde Welterbe anstatt Müllkippe

Bevor man in der Bruchhalde bei Messel entdeckte, daß hier archäologische Schätze verborgen sind, war geplant, den ehemaligen Tagebau mit Müll zu verfüllen. Nachdem kein Ytong mehr abgebaut wurde, war ein Loch von 20 Millionen Kubikmetern in der Erde, das - hätte man es sich selbst überlassen - nach und nach vergrünt wäre, bis es nicht mehr als ehemaliger Tagebau erkennbar gewesen wäre. 4 Milliarden Euro hätte man mit der Müllverfüllung verdienen können, denn pro Kubikmeter Müll werden 200 Euro gezahlt.

Müllablagerung am Rand der Grube Messel

 

Blatt im Ölschiefer

Allerdings bildete sich 1987 schnell eine Bürgerinitiative gegen die Müllablagerung. 1991 kaufte das Land Hessen die Grube für 32,6 Millionen Mark und übertrug die wissenschaftliche Auswertung der Grube der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft.

Im Ölschiefer entdeckte man unter anderem das weltberühmte Urpferdchen. 25cm hoch: Hygrotherius - 30cm Urpferdchen - 107cm Shetlandpony - 180 cm Shirehorse - 140 cm Przewalski

Man glaubte zunächst, daß das Urpferd ein Allesfresser war, da man in seinem Bauchraum kleine Knochen fand. Dann aber kam die Erkenntnis: das Pferd war schwanger!

Der Ölschiefer umfaßt die obersten 10 cm im Boden, reicht also bis 1000 Jahre in die Vergangenheit. Viele Pflanzenbestandteile finden sich in 80-81 Metern Tiefe. Darunter lieggen Konglomerate, die in mehrerern 100 Jahren entstanden und sich in schmalen Schichten von 8-15 Zentimetern aus Sanden und Kiesen zusammensetzen. Auf 30t Meter Tiefe stößt man auf vulkanische Asche und verkohlte Pflanzenreste, die durch eine gigantische Explosion verbrannt sind. Verursacht wurde die Explosion durch Magma, die auf Wasser traf. Die Steine wurden davon so deformiert, daß sie wie verkneteter Teig aussehen. Das Wasser befand sich in einem sehr tiefen Maarsee und verdampfte schlagartig. Heute besteht die oberste Schicht des Ölschiefer zu 40 % aus Wasser, zu 8% aus Öl. Der Rest ist Gestein. Man möchte hier den Zustand der 90er Jahre erhalten. Das BZ, 2011 eröffnet, konnte sich schon nach drei Wochen über 5000 Besucher freuen. Die Kläger gegen die Mülldeponie haben übrigens lebenslang freien Eintritt.

Geologischer Aufzug: geht man in eine Tiefe von 10 cm am Grund der Grube, so entdeckt man Relikte der letzten 1000 Jahre. Bei 1 Meter der letzten 10.000 Jahre, bei 100 Metern 1.000.000 Jahre und bei 400 Metern 4.000.000 Jahre! Bei 433.000 Metern Tiefe sieht man zerrissenes Gestein, die Brecchie. Hier entstand innerhalb von Sekunden im Schlund des Vulkans eine basaltische Schmelze. Alle 100 Meter steigt die Temperatur um 1 Grad, auch im Erdinnern. Auf der Höhe der Brecchie würden also 4330 Grad herrschen.

Vor 47 Millionen Jahren fand die Maarexplosion statt. Bis zu diesem Zeitpunkt kann man mit dem geologischen Aufzug in die Tiefe fahren.

M. Hiller, 2011 / 2012

Das besondere Biotop der Grube Messel

Bei einer Führung durch die Grube Messel, zugleich faszinierendes Geotop und biologisches Artenvielfaltswunder, erläuterte Dr. Renate Rabenstein vor einigen Jahren die tropische Flora und Fauna des Ölschiefers. Dabei wurde das wissenschaftliche Team durch Forscher aus Bolivien unterstützt, um alles zu erfassen.
Der Ölschiefer kann unterirdisch schwelen, daraus entstehen nicht sichtbare unterirdische Löcher. Es besteht Einbruchgefahr. Hier fühlen sich Birken, Nachtschattengewächse, Frösche, Blindschleichen, Nachtigallen und der Kuckuck wohl. Außerdem  natürlich die "übliche" Bevölkerung: Wildschweine, Rehe, Hasen, Jäger. Die Grube Messel ist einer von drei Orten, an denen die Kerbameise vorkommt. Die ehemalige Ytonghalde wurde in mehreren Jahrzehnten seit der Unterschutzstellung von der Natur zurückerobert, ist schön warm - daher gibt es viele Eidechsen und naturbelassene Wälder.

Die Grube Messel ist genauso alt wie die Grube Prinz von Hessen - eozäne Fossilgruben. Die Wasserflächen sind alte Grabungen, die heute ideale Laichplätze darstellen. In Messel sind das etwa 700x800m, 65m tief. Seit den 70er Jahren erfolgen hier Grabungen. Der Ölschiefer entstand vor 47-45 Mio Jahren, es gibt darin Grünalgen als Zeigerpflanzen. Erdöl entsteht aus Plankton, Kohle aus groben Pflanzenteilen. In Messel lag kein flüssiges Öl vor, nur Algen. DerÖlschiefer hat helle und dunkle Schichten: dunkel bildete sich der Sommer ab, wenn es viele Algen gab. Es werden pro Jahr ca. 30x30x10 Meter untersucht, man vermutet noch ca. 800.000 Funde. Die Auswertung erfolgt oft erst 3-5 Jahre später.

Ytong baute hier 20 Mio Kubikmeter Steine ab. Ein Verschwelungswerk holte 40% Wasser aus dem Gestein, mit Wasserdampfrückführung. Aus dem Dampf wurde Strom erzeugt, auch die Bagger hatten Elektroantrieb. Aus dem Gestein wurde 1 Mio t Rohöl gewonnen, der Rest war Schlacke.
800 Arbeiter, Grubenhunte. Schlacke liegt bei Gelsenrot, Blähton = gute Drainage, Tennis- o. Fußballplätze. Seramis, Dachbegrünung etc.

Das Grundwasser steht aufgrund eines Pumpschachtes von 20 Meter Tiefe, der zur Trockenhaltung der Mülldeponie eingerichtet worden war, stetig gleich hoch. Die Pumpe fördert 12 ltr/sec., Wasser hat einen hohen Eisenanteil.

Brunnen mit Tiefenwasser aus 300-340mtr haben einen Druck von 3,8 bar, das Wasser würde ohne Druckminderer 38m hoch schießen. Es riecht sehr schweflig, hat fast Heilwasserqualität. Diese entspricht der von Bad Homburg oder Wiesbaden.

Anärobe Verwesung am Kratergrund wandelte die Knochen von hineingefallenen Tieren um und konservierte sie perfekt. Das hier gefundene Urpferd hatte vorn 4 Zehen, hinten 3, weil es im Schlamm lief. Moderne Pferde sind Steppentiere und haben Hufe. Der Mageninhalt des Urpferdes waren vergorene Weintrauben und Lorbeerblätter. Es hatte 240 Grad Sichtweite, heutige Pferde haben 320 Grad, weil sie Fluchttiere sind. So groß wie ein Rehkitz oder ein Schäferhund war das Urpferd.

Früher das Urpferd, heute Fledermäuse

Spektakulärer Fund war eine tote Brillenblattnase, ein tropischer Früchtefresser. Sie wird zu Ansichtszwecken tiefgekühlt aufbewahrt.
Einheimische Fledermäuse fressen Fluginsekten, die Mückenfledermaß täglich 1000-2000 Mücken!

Mit einem Ultraschallgerät können ihre Rufe aufgenommen und 10fach verlangsamt wiedergegeben werden, so daß der Ultraschall US für das menschliche Ohr gut hörbar wird. Es lassen sich Mückenfledermaus (55kHz) und Zwergfledermaus (45 kHz) unterscheiden. Der große Abendsegler ruft mit 18 kHz, aus dem Gerät klingt das wie Flipflop Flipflop.

Fledermäuse lassen sich nicht mit eigenen Geräuschen anlocken. Alle fossilen Fledermäuse konnten Ultraschall hören, weil die Cochlea halbe Schädelbreite hatte. Flughunde haben eine kleine Cochlea, sie essen Früchte, weil sie nicht gut genug hören um Insekten zu fangen.