Gelnhausen: einst wichtige Station an einer großen Handelsstraße
Wald ist das große Thema der Menschen und ganz besonders der Märchenfreunde. Doch nun begleiten Sie mich aus dem Wald heraus in die Gemütlichkeit der Spessartstädtchen. Für uns Menschen bedeutet Wald nicht undurchdringliches Dickicht, sondern geordnete Natur, und seit alters her haben wir es gern, wenn ein Weg hindurchführt. Sicher können wir auf diesem Weg entlangspazieren, rechts und links umgeben von gerade so viel Wildnis, wie wir in unserer Furcht ertragen können. Und so sind die Wege durch den Wald für uns das Wichtige, nicht so sehr der Wald selbst!
Wege aber sind so alt wie die Menschheit. Und ein besonders alter und wichtiger Weg ist die Handelsstraße zwischen Paris und Kiew, oder - um in unseren Regionen zu bleiben - zwischen Frankfurt und Leipzig, kurz „die Straße“ genannt. Und auf diese Straße möchte ich Sie, liebe Märchenfreunde, jetzt mitnehmen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Kaufmann, haben ein Fuhrwerk voll der kostbarsten Seidenstoffe auf der Leipziger Messe ergattert. Gleichzeitig konnten Sie dort ein Säcklein klimpernder Münzen für Ihre handgeschnitzten Hirschhornknöpfe aus dem Odenwald oder aber für zwei Paar feingearbeitete Offenbacher Lederstiefeletten für die Damen der Kiewer feinen Gesellschaft gewinnen. Diese Münzen haben Sie sorgfältig unterfüttert in den Saum Ihres Reiseumhanges eingenäht, für ein ungeübtes Auge nicht zu erkennen, von dicken gierigen Wirtsfingern nicht zu ertasten.
- Das ist Ihnen alles viel zu hochtrabend? Nun, möchten Sie lieber eine barfüßige Köhlerstochter sein, mit laufender Nase und knurrendem Magen, in Ihrer Kiepe fünf Tiegelchen Pech und drei Fläschchen Kienöl? Das möchten Sie nicht, glauben Sie es mir. Reisen Sie lieber als wohlgestellter Handelsmann. Und hüten Sie sich vor neugierigen Wirtsleuten!
Auf Ihrem Weg von Leipzig folgen Sie der Via Regia, der uralten Handelsstraße, auf der vielleicht die Kelten schon Salz und Erze transportierten. Von Fulda über Schlüchtern und Steinau an der Straße sind Sie gekommen, dort haben Sie die Nacht verbracht. Unruhig war die Nacht, denn in der Gaststube saßen finstere Gestalten, die Sie mit scharfem Blick unter schwarzen Hutkrempen hervor beobachteten. Die Stiege knarrte, die Stubentür zu Ihrer Kammer schrie in den Angeln, was Ihnen ein gewisses, wenn auch schwaches Maß an Sicherheit versprach. Im Traum noch spürten Sie die brennenden Blicke im Rücken, tasteten Ihre Finger nach dem Mantelsaum. Waren die Pferde unruhig? Hantierte da nicht jemand am Wagen? Doch nein, der Wirt selbst hatte ja die Scheune gut verriegelt und Ihnen den Schlüssel gegeben...
Nach dieser Nacht fühlen Sie sich, wie Sie sich schon während der ganzen Reise fühlten: müde und furchtsam. Station für Station ging das so, seit der Messestadt Leipzig, in kräftezehrenden Fuhrmanns-Tagewerken von vielleicht 30 Kilometern gemessen (früher maß man ja in Meilen, was noch früher einmal die Entfernung war, die ein römischer Soldat mit 1000 Schritten zurücklegen konnte), mit unruhigem Schlaf in düsteren Spelunken voller zwielichtiger Gestalten.
Pfarrgasse in Gelnhausen: Stunde der Wahrheit...
Nun liegt Gelnhausen vor Ihnen. Wird Ihr Fuhrwerk wohl hindurchpassen? Sind die Gurte um die kostbaren Seidenballen fest geschnürt? Die Pfarrgasse in Gelnhausen wird es zeigen. Drei Meter breit ist diese Engstelle, und alle Handels- und Fuhrleute haben ihre Ladung nach dieser Breite zu richten. „Von Leipzig an der Pleisse, bis Franckfurtt an den Main, wirds auf der gantzen Strasze die engste Stelle sein.“ so steht dort an der Hauswand zu lesen. Doch nein! Die Ballen stehen über, es geht nicht durch das Nadelöhr! Abladen, durchfahren, aufladen - wieder sind sogleich finstere Gestalten zur Stelle, die für ihre Ladearbeit klingende Münze fordern. Auch im Stadtsäckel klingelt es, denn die Verzögerung kostet Strafe. Ganz zu schweigen von den Fuhrleuten, die vor und hinter der Engstelle ungeduldig werden.
Endlich ist es geschafft. Doch über all die Ladearbeit ist der Nachmittag weit vorangeschritten, schon schickt sich die Stadt an ihre Tore zu schließen. Eine weitere unruhige Nacht...
Dann endlich hinaus aus Gelnhausen, durch das Stadttor, fast genau so eng wie die Pfarrgasse, gen Hanau. Und war am Vortag die Reise durch die nördlichsten Spessart-Ausläufer noch unbehelligt gewesen, so lauert hier vielleicht, wo dichte Wälder den Kinzigauen weichen, dennoch Gefahr!
Hier müssen wir uns, vor den Toren der Stadt, von unseren Reisegenossen trennen. Unser Weg führt uns mainaufwärts über Seligenstadt und Aschaffenburg nach Lohr, während unsere Begleitung mainabwärts und direkt nach Frankfurt weiterreist. Wir lassen die Kinzig hinter uns zurück, treiben unsere Zugtiere an. Denn eine weite Tagesreise liegt vor uns, bis wir endlich Seligenstadt erreichen. Hier, im „Gasthof zum Riesen“ ist immer viel los. Man trifft Handelsleute aus der Fuggerstadt Augsburg, die zur Messe in Frankfurt wollen, und fröhlich kommt der Geleitlöffel zum Einsatz: ein riesiger Löffel, nur von einem starken Mann zu heben, gefüllt mit etlichen Schoppen Wein oder Apfelwein. Noch bevor der einreitende Gast vom Pferd oder von der Kutsche steigen darf, muß dieser Geleitlöffel ausgetrunken werden! Erst dann - und zur großen Belustigung der Seligenstädter - darf er absteigen, was nunmehr auf nicht ganz sicheren Beinen geschieht.
Gegenseitig stützen Sie und Ihre Leidensgenossen sich, schwanken hinein in die Gaststube, wo es zuerst einmal eine deftige Stärkung gibt. Niemand zählt, wieviele Schoppen noch an diesem fröhlichen Abend in Ihre Kehle fließen – außer dem Wirt. Der aber, ein zuverlässiger kräftiger Bursche, sorgt dafür, daß gierige Blicke aus schwarzen Augen, unter herabgezogenen Hutkrempen, draußen vor den geschlossenen Fensterläden bleiben.
Unfreiwillig volltrunken in Seligenstadt
Ruhigen Schlaf bringt diese Nacht also, der Morgen aber wird von Kopfweh zerbrummt. Mürrisch und wortkarg treten Sie die Reise nach Aschaffenburg an. Hell scheint die Sonne auf die Felder rechts und links des Maines, und am frühen Nachmittag kommen Sie in die altehrwürdige Stadt. Wundern Sie sich nicht, daß Ihnen an der Schloßmauer ein blankes Hinterviertel entgegengestreckt wird - der „Ascheberger Arsch“, es ist nicht persönlich gemeint.
Ein Stück folgen Sie der Handelsstraße noch weiter an diesem Nachmittag, durch das Osttor der Stadt Aschaffenburg hinaus und nach Hösbach. Dort wollen Sie befreundete Händler besuchen, Nachfahren der sechs "Reitenden Förster", die einst Waren von den großen Forsthuben im Spessart in die Stadt brachten. Wieder haben Sie eine geruhsame, wohlbewachte Nacht, und ausgeschlafen und frisch ziehen Sie hinaus gen Laufach und hinauf nach Rothenbuch. Nur noch eine halbe Tagesreise ist es nun bis Lohr, doch in Rothenbuch bricht bereits der frühe Abend ein, und Sie beschließen, hier noch einmal Station zu machen. Ihre Seidenladung ist sicher untergebracht, die Pferde versorgt, und eben serviert Ihnen die dicke Wirtin ein deftiges Bauernfrühstück, dazu einen Schoppen herben Frankenwein. Daß in der Rothenbucher Gaststube zwei weitere Handelsreisende bei Speis und Trank sitzen, verwundert Sie nicht. Die beiden sind ganz in ihr Gespräch vertieft, und Sie sind nach dieser langen Tagesreise von Hösbach bis hierher rechtschaffen müde.
Der Morgen begrüßt Sie mit feuchtem Nebel, gar nicht gut für Ihre Seidenballen. Zum Glück sind sie gut in Wachstuch eingeschlagen! Denn einer davon ist für jemand ganz Besonderes bestimmt...
Sie achten nicht auf die Straße, die Sie bergab führt durch tiefe Wälder. Denn in Gedanken sind Sie bei dem Freifräulein Maria Sophia Margaretha Katharina von Erthal, Tochter des angesehenen Freiherrn Christoph Philipp von Erthal und der Maria Eva von Erthal, geb. von Bettendorf.
Für sie, und geben Sie es ruhig zu, Ihr Herz macht einen Sprung! Für sie also ist diese Seide bestimmt, allerfeinst gewobene glänzend elfenbeinfarbene weich fließende Seide - oh, wie wird sie wohl an ihr aussehen! Schneewittchen wird sie auch genannt, denn sie ist wunderschön! Schade nur, daß ihre Stiefmutter Claudia Elisabeth, die zweite Frau des Spiegelfabrikanten Christoph Philipp von Erthal, oftmals so garstig zu diesem liebreizenden Kind war...
Sie seufzen, und dabei merken Sie nicht, daß Sie schon seit einer ganzen Weile nicht mehr allein sind auf der Straße. Zwei Wanderer kommen Ihnen entgegen - und sehen sie nicht ein bißchen aus wie die beiden, die sich am Abend in Rothenbuch so angeregt miteinander unterhalten hatten? Von hinten kommt ein Reiter herangeritten, laut klingen die Hufschläge auf dem holprigen Pflaster. Sie schauen sich um. Doch noch während Sie nach hinten blicken, bricht aus dem dichten Unterholz rechts und links der Straße das Unheil hervor: fünf schwarze Gesellen, einer finsterer als der andere, greifen Ihren Pferden ins Zaumzeug, die beiden Wanderer sorgen von vorne dafür, daß die Pferde stehen bleiben. Der Reiter springt auf den Kutschbock, und schon -
- - aber hier lasse ich Sie nun lieber allein, denn ich habe etwas Wichtiges in Rothenbuch vergessen...
es grüßt Sie: Köhlers Bawweddsche aus dem Odenwald, Räubersbraut und Köhlerstochter sowie des Lesens und Schreibens mächtig.
Was zur gleichen Zeit in Lohr geschah:
„Ach, wird er denn bald durch das Stadttor reiten, mein guter Handelsmann? Einen Ballen der allerfeinsten Seide hat er mir versprochen, und fürwahr, es wird Zeit! Im Rieneckschen Schloß soll bald das Fest gefeiert werden, und das Kleid der ‘bösen Königin’ (so nenne ich sie, die Neue von Papa, hihi!) ist schon fertig: blau schimmernd und samten, mit gestickten Blüten am Saum. Sie bildet sich ein, sie wär schöner als ich; und nur weil sie in einen von Papas Spiegel geschaut hat, der ihr wohl etwas anderes erzählt hat (der Spiegel natürlich, nicht Papa - der würde so etwas niemals sagen!), meint sie nun, sie muß mich durch kostbare Gewänder ausstechen.
Meines aber soll aus elfenbeinfarbener Seide sein, so schlicht und klar, daß alle Menschen von meinem Antlitz, von meinen langen schwarzen Locken, betört sein werden.
Doch wer klopft da an die Tür? Der Förster ist’s, er solle mich zu einem Ausflug ins Grüne abholen. Noch einmal blicke ich sehnsüchtig aus dem Westfenster, doch keine Kutsche ist zu sehen.
So folge ich dem Förster, doch wohl ist’s mir dabei nicht..."
Wie es weiterging:
Der Förster der Freifrau Claudia Elisabeth von Erthal führte das arme Schneewittchen hinauf in den Wald, wo er ein blitzendes Messer zückte. Schneewittchen aber entkam, lief bis zur Amtsvogtei Frammersbach, und weiter bis hinab in den Biebergrund. Dort in den Bergwerksstollen der Silber- und Kupfergruben wollte sie sich verstecken.
Nun, werdet ihr, liebe Märchenfreunde, sagen: nun - gehört Schneewittchen mit ihren sieben Zwergen denn nicht ins Waldecksche? Nach Bergfreiheit, wo noch heute das Kupferbergwerk besichtigt werden kann, in dem einst nach dem 30jährigen Kriege zwei mal sieben Bergleute und ein Weib lebten und arbeiteten? Nach Brabant, wohin die Heiratspolitik die arme Margarethe von Wildungen verschlagen hatte, und wo sie vergiftet wurde? So läßt es uns der Heimatforscher Eckhard Sander aus Borken glauben.
Dagegen setzt der Lohrer Forscher Karlheinz Bartels Folgendes: in Hanau wuchsen die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm auf, lebten also in der Nähe von Lohr und kannten gewiß die Geschichte Margarethes aus mündlichen Überlieferungen. Denn eine Frau wie Dorothea Viehmann aus ihrer Kasseler Zeit werden sie ganz bestimmt auch in Hanau gekannt haben, eine Geschichtenerzählerin die ihnen alles zutrug, was der Volksmund so zu berichten wußte. Auch stimmt mit dem Märchen überein, daß der Lohrer Schneewittchenvater ein zweites Mal geheiratet hatte, somit eine Stiefmutter vorhanden war. Und der Spiegel, wichtigstes Indiz: Schneewittchens Vater besaß in Lohr a. Main eine Manufaktur. Noch heute können Märchenfreunde dort den ‘sprechenden’ Spiegel mit der Inschrift ‘Sie ist so schön wie das Licht’ betrachten. Doch hüte man sich davor, selbst hineinzuschauen...
Auch sieben Berge kann Bartels vorweisen: Hammersbuch Steckenlaubshöhe Pfirsichhöhe Gaulskopf Eichenberg Erkelshöhe Hirschberg heißen sie, und über ihre Kuppen führt der Schneewittchenweg geradewegs hinunter zum Bergbau in Bieber. Dort arbeiteten kleinwüchsige, bucklige Menschen, gebückt durch ihre schwere Arbeit, mit Kapuzen die wie Zwergenhüte aussahen, um sich vor herabfallendem Gestein und Nässe von oben zu schützen. Die eisernen Schuhe aber, in denen sich endlich die böse Stiefmutter zu Tode tanzen mußte, die wurden im Eisenhammerwerk alldorten hergestellt.
Lassen wir die beiden Schneewittchenforscher Eckhard Sander und Karlheinz Bartels nun allein mit ihrem Streit und widmen uns lieber einem süßen leckeren Schneewittchenkuchen: dazu brauchen wir zuerst einmal unsere Siebensachen: Margarine (100 g), Zucker (150 g), 3 Eier, Mehl (200 g), Milch (2 Eßlöffel), eingemachte Sauerkirschen und Schokoladencreme. Den Teig aus Fett, Zucker, Eiern, Mehl und Milch kneten wir mit je einem Beutelchen Vanillezucker und Backpulver, teilen ihn dann. Die eine Hälfte wird weiß wie Schnee, die andere färben wir mit der Schokocreme (2 Eßlöffel) schwarz wie Ebenholz (na ja, fast...), und dann kommen noch die Sauerkirschen so rot wie Blut hinzu. Sobald der Kuchen gebacken ist (eine knappe Stunde bei 175 Grad), bekommt er eine Haube aus Quark (250 g) und Sahne (1/4 l), die steifgeschlagen mit Vanillezucker und noch etwas Zucker untergehoben wird. Blutroter Tortenguß krönt das Werk, der Schneewittchenkuchen ist fertig, und die sieben Zwerge können zur Kuchenschlacht anrücken! Guten Appetit wünscht ihnen allen, seien sie nun aus Lohr oder aus dem Waldeckschen Land, die Erzählerin dieser Geschichte. Denn im Märchen ist schließlich alles möglich - vielleicht sogar, daß zwei Schneewittchen mit zweimal sieben Zwergen einen Kuchen essen!
Und was war in der Zwischenzeit mit dem Handelsmann und seiner edlen Seide geschehen?
Möglicherweise ist ihm Schlimmeres als ein Räuberüberfall auf offener Straße erspart geblieben: denn hätte er, anstatt den steilen, aber kürzeren Weg über Laufach nach Rothenbuch zu nehmen, den bequemen Weg über Bessenbach, Hessenthal und Weibersbrunn genommen, so wäre er direkt in der „Höhle des Löwen“ gelandet: dem Wirtshaus im Spessart! Der Märchendichter Wilhelm Hauff, der in Gelnhausen gemeinsam mit anderen Romantikern den „märchengrün durchfunkelten Wundergarten“ Spessart entdeckt hatte, berichtet uns in seiner Geschichte darüber. Und heutige Märchenforscher fanden heraus, daß jenes berühmte Wirtshaus nirgendwo sonst stehen konnte als in Hessenthal. Die alte Posthalterei sei dort noch immer zu finden. Oder sollte das originale Wirtshaus im Spessart doch in Rohrbrunn gelegen haben, wie einige behaupten? Dann aber wäre unser Handelsmann nicht nach Rothenbuch hinaufgekommen, und das wäre doch schade gewesen - dies meinen zumindest die Spessarträuber...
Kam er schließlich doch nach Lohr?
Und hätte er sich nicht in Rothenbuch genauer umschauen sollen? Das mittelalterliche Städtchen, von dem Kurt Tucholsky sang: ‘“Dies ist eine alte Landschaft, die gibt es gar nicht mehr, hier ist die Zeit stehen geblieben. Wenn Landschaft Musik macht: Dies ist ein deutsches Streichquartett.“
Folgen wir Tucholsky vom mittelalterlichen Rothenbuch mit seinem Kurfürstlich Mainzischen Jagdschloß hoch oben auf den Spessarthöhen, wo die Hafenlohr entspringt. Mäandernd sucht das Flüßchen seinen Weg hinab nach Lohr, benannt nach Hafen - Töpferware und Lohr - breiter flacher Fluß. Es durchplätschert dabei eines der schönsten Täler Deutschlands. Fröhlich zwitschern hier die Vögel, und Hirsche, Wildschweine, Rehe und Füchse ziehen durch verschwiegene Täler. Hin und wieder öffnet sich die Waldeinsamkeit, kleine Landgasthöfe tauchen am Wegrand auf. Kein Gedanke an Räuber, an böse Überfälle will hier haften. Und doch - raschelte es da nicht eben im Unterholz?
Hoffen wir, daß unser Handelsmann es doch bis nach Lohr geschafft hat! Denn dort erwarten ihn ein Lohrer Waschweib, der Nachtwächter, aber auch Gräfin Margarethe von Erbach und die Gattin eines alten Lohrer Bürgermeisters. Was sie von ihm wollen? Nein, keine Sorge - berauben wollen sie ihn gewiß nicht! Ihre märchenhafte Stadt mit ihren fränkischen Fachwerkhäusern möchten sie ihm - und Ihnen - zeigen! Viel Wald gehört dazu, aber auch alteingesessene Glasindustrie (wir erinnern uns an die Spiegelmanufaktur!). Durch idyllische Gassen streifen wir mit ihnen, betrachten das Alte Rathaus, das Lohrer Schloß, den Bayersturm mit der zugigen Türmerwohnung, das historische Fischerviertel, Kloster Mariabuchen und - wenn wir zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort sind: die Karfreitagsprozession, getragen von den Lohrer Zünften und Innungen, einer der traditionsreichsten und stimmungsvollsten Prozessionen ihrer Art in ganz Deutschland.
Marieta Hiller, 2012
Quellen: