Eisenbahnkomitees allerorten: neue Eisenbahnlinien für schlecht angebundene Odenwaldorte
In den Geschichtsblättern des Kreises Bergstraße Band 17 von 1984 beschreibt Hans Knapp die Eisenbahngeschichte des Kreises Bergstraße. Demnach fuhren anfangs auf der Hauptstrecke Frankfurt-Heidelberg (Main-Neckar-Bahn, eröffnet 27. Juli 1846) täglich zwei Züge in jeder Richtung. Fünf Jahrzehnte später waren es 17 Schnellzüge, 24 Personenzüge, 15 Lokalzüge und 19 Güterzüge täglich. Die Strecke war ein voller Erfolg.
Bensheim, Heppenheim und Weinheim wollten an diesem "bahnbrechenden" Quantensprung in der Mobilität teilhaben, und es gab mehrere miteinander vernetzte Planungen.
"Wenn Wasser- und Eisenbahnstraßen im allgemeinen den Nationalwohlstand bedingen, ... so erscheinen die Bestrebungen der Bewohner des zur Provinz Starkenburg gehörigen Odenwaldes ... an seinen Wohltaten und Segnungen teilzunehmen, gewiß in jeder Beziehung gerechtfertigt und begründet."
Von Reinheim über Fürth und Weinheim sollte Mannheim erreicht werden können. Diese Verbindung stellte neben der Mümlingtalbahn und der Main-Neckar-Bahn die dritte wichtige Verbindung aus dem Gersprenztal und dem Weschnitztal dar. Die Initiatoren listeten jeden einzelnen an der geplanten Strecke liegenden Ort mit Germarkungsgröße, Einwohnerzahl, Steuerkapital, Fabriken, Mühlen und Märkten auf. Aus dieser Liste ersieht man daher zugleich die wirtschaftliche Bedeutung der Odenwaldorte. So lagen an der Strecke insgesamt 143 Fabriken und 199 Mühlen. 86 Jahr- und Viehmärkte strahlten weit in die Region aus. Der Petition um diese Bahnlinie schloß sich natürlich auch Darmstadt an. Eingereicht wurde sie am 2. Juni 1870. Für die eingleisige Anlage wurde folgender Kostenvoranschlag (in Gulden, fl) eingereicht:
| Grunderwerb | 462 400 |
| Erdarbeiten | 1 390 072 |
| Kunstbauten (Brücken) | 700 900 |
| Tunnel | 760 000 |
| Stationen und Bahnwärterhäuschen | 385 000 |
| Gleisherstellung | 1 207 800 |
| Rollmaterial "Fahrapparate" | 631 000 |
| Gesamtkosten | 6 451 400 |
| Gesamtkosten je Meile | 866 000 |
An Rollmaterial waren 8 schwere Lokomotiven, 28 Personenwagen, 4 gedeckte und 60 offene Güterwagen geplant.
Eine große Brücke über die Weschnitz, vier größere über die Gersprenz und 18 kleinere Brücken waren geplant. Die Wasserscheide zwischen Weschnitz und Gersprenz, das Gumper Kreuz, sollte von einem 400 Meter langen Tunnel durchstochen werden.
Leider wurde diese Linie von der Regierung abgelehnt, da sich auf anderen Nebenbahnen gezeigt hatte, daß die Wirtschaftskraft dort nicht im erhofften Ausmaß gestiegen war und die Strecken nicht rentabel waren. Lediglich das Birkenauer Tal bekam seine Teilstrecke. 1890 wurde die Bahnlinie Weinheim-Fürth beschlossen und zwischen 1893 und 1895 gebaut. Die Tunnelarbeiten wurden von italienischen Mineuren übernommen. Am 21. Juni 1895 ging die Weschnitztalbahn ans Netz.
Reisezeiten: Postkutsche / Eisenbahn

Aus dem Betriebswerk Kranichstein
Abgelehnt wurde anfangs die Bahnlinie Weinheim-Worms über Viernheim und Lampertheim. Und zwar nicht durch die Regierung, sondern durch den Viernheimer Gemeinderat. Hier war man der Ansicht, daß die Bahn die Felder unheilvoll zerstückeln würde. So kam es, daß nicht Mannheim der Endbahnhof dieser Strecke wurde, sondern der ansonsten völlig abgelegene Ort Friedrichsfeld. "Mannem hinne" wird dieser Bahnhof daher auch im Volksmund genannt. In Friedrichsfeld gibt es ein Eisenbahnkreuz beider Strecken (Main-Neckar-Bahn und Weinheim-Worms), wo die Reisenden nach Mannheim hinten einsteigen sollten. 1887 endlich bekamen die Viernheimer eine Nebenbahnlinie, gaben sich damit jedoch nicht zufrieden. Sie wollten eine Vollbahnlinie, da man sich Ansiedlung von Industrie erhoffte.
1898 schließlich wurde die Bahnlinie genehmigt und 1905 in Betrieb genommen. Damit waren die Pläne für eine Bahn von Heppenheim in den Odenwald endgültig hinfällig, da eine Anbindung über Weinheim als ausreichend erachtet wurde. Die Fürth-Weinheim-Bahn mit Anschluß nach Mannheim brachte unzähligen Odenwäldern gute Arbeitsplätze.
Heppenheim hatte zweimal Pech: auch die Nachbarstadt Bensheim hatte bereits 1869 ihre Linie nach Worms erhalten, die allerdings zunächst im Rosengarten endete, bis eine Rheinbrücke gebaut war. Bensheim hatte zwei Bahnhöfe: für die Main-Neckar-Bahn und für die Strecke nach Worms. 1872 wurden beide zusammengelegt.

Der Bahnhof Bensheim, Lithografie 1882 aus dem Museum der Stadt Bensheim
Der Bensheimer Bahnhof lag 200 Meter von der Altstadt Bensheims entfernt in der Rheinebene. Schnell entwickelte sich der Güterverkehr, die Strecke war stark befahren. Da jedoch zunächst nur wenige Bahnübergänge über die Gleise führten, waren diese bereits 1874 täglich bis zu 20 Minuten gesperrt. 1912 baute man die Unterführungen, so daß auch die westlich gelegenen Gemarkungsteile für Fuhrwerke gut erreichbar waren.
Und 1913 wurde endlich die Verlängerung in den Odenwald über das Lautertal genehmigt. Diese wurde allerdings nie gebaut. Denn auch im Lautertal lehnten die Ortsgremien und die Geschäftsleute den Bahnbau entschieden ab, man wollte sogar die geschäftlichen Beziehungen zu Bensheim abbrechen.
1941 wurden die Gleise zwischen Heppenheim und Lorsch abgebaut, 1960 die zwischen Viernheim und Lampertheim. Auf der Verbindung Viernheim-Weinheim gab es ab da nur noch Güterverkehr.
Die Strecke Mörlenbach - Wahlen wurde am 1. März 1901 eröffnet, am 23. September 1983 stellte man den Personenverkehr ein und am 1. März 1984 wurde die Strecke ganz stillgelegt.
Die Strecke Weinheim - Mörlenbach - Fürth, auch Weschnitztalbahn genannt, wurde am 1. Juli 1895 eröffnet.
Die Main - Neckar - Bahn verläuft zwiwschen Frankfurt, Darmstadt und Heidelberg und wurde 1846 eröffnet: zuerst am 22. Juni das Teilstück Langen - Heppenheim, am 16. Juli vom Lokalbahnhof Frankfurt bis Langen, und am 1. August das Stück von Heppenheim über Friedrichsfeld bis Heidelberg. Am 30. September 1957 wurde die Strecke elektrifiziert.
Die Odenwaldbahn verläuft durch das Mümlingtal zwischen Hanau bzw. Darmstadt und Eberbach. Sie wurde in den 1860er Jahren geplant, die Konzession des Großherzogtums Hessen wurde am 4. April 1868 erteilt, und zwar der Hessischen Ludwigsbahn. Diese war mit 697 Kilometern eine der größten deutschen Privatbahnen (wikipedia). Wenige Wochen später begannen die Bauarbeiten, 1871 war Erbach erreicht, 1882 wurde das Teilstück durch den badischen Odenwald bis Eberbach eröffnet. Die 56 km lange Strecke zwischen Darmstadt und Erbach war man 1871 mit dem Zug zwei Stunden unterwegs.
Das erste Durchblick-Jahrbuch ist da!
Das erste Durchblick-Jahrbuch liegt nun vor, mit den wichtigsten Beiträgen, die ich 2021 sammeln konnte. Für meine Geschichte(n) bin ich ständig unterwegs: zu Interviews mit Zeitzeugen, in Archiven und Bibliotheken und natürlich auch im Internet. Deshalb trägt das Jahrbuch auch den Titel "Spinnstubb 2.0". Die Spinnstube war eine Zusammenkunft an den Winterabenden früherer Zeiten, an denen man mangels Fernsehen beisammensaß und erzählte. Die Geschichten wurden dann am späteren Abend immer abenteuerlicher...
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