Landwirtschaft seit dem 30jährigen Krieg: Neutsch

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  • Landwirtschaft nach dem 30jährigen Krieg, der Pest und der folgenden Wirren
  • Landwirtschaft in Neutsch: am Beispiel des Neutscher Hofes
  • Die Geschichte des Dorfes Neutsch - aus der alten Chronik von 1956

     Die Geschichte des Dorfes Neutsch - aus der alten Chronik von 1956

Neutsch liegt an einer sehr alten Handelsstraße: der Hutzelstraße, die sich von der Bergstraße bei Auerbach über Reinheim zum Main zog. Der genaue Straßenverlauf, seine historische Bedeutung und Namensgebung ist unter Heimatforschern umstritten, aber für das Dorf Neutsch ist die Straße prägend.

Während der Bauernkriege im 16. Jahrhundert wurden die Neutscher verurteilt, alle Waffen abzuliefern, da sie "uffruhrig gwest". Die Neutscher und die Klein-Bieberauer Bauern mußten außerdem versprechen, ihr Leben lang nimmer mehr zu keinem Heling (heimliche Versammlung) zu kommen noch zu gehen.

1589 heißt es im Salbuch des Amtes und der Zent Lichtenberg: "Neutz steht den Junkern von Walbron zu. In diesem Dorf hat m. gn. Fürst und Herr (der Landgraf von Hessen) die Centh und hohe Obrigkeit, Gebot und Verbot. Und gefällt m. gn. Fürsten und Herrn an Leibsbede (Geldsteuer der Leibeigenen) wie folgt:"
Je 2 Albus 2 Pfennig von Michel Klim, Cosman Klim, Conrat Ruth, Klim Hans, je 2 1/2 Albus von Niclas Minckh, Philips Oth, Cosman Delpf, Mathis Poth und Hans Hoffmann.
Diese neun Neutscher mußten außerdem ein Leibhuhn abgeben und bei ihrem Tod mußten die Erben das Besthaupt geben. Das ist das beste Stück Vieh, schon damals umgingen die Bauern dieses Gesetz, indem sie ihren Besitz bereits zu Lebzeiten an die Nachkommen schenkten. Das konnte auch schlecht für sie ausgehen, denn damit standen sie auf der Stufe des Bettlers und mußten auf die Fürsorge ihrer Kinder hoffen. "Zieh dich erst aus, wenn du schlafen gehst" ist die Redewendung, die dazu geprägt worden war.
Ferner erhob der Landgraf Tranksteuer auf inländischen und ausländischen Wein, Fron, Türkensteuer sowie den Unterhalt militärischer Unternehmungen: "das Dorf ist mit den von Branden (Brandau), Lützelbach, Klein-Bieberau, Neunkirchen, Allertshofen, Hoxhohln, Herchenrode und Webern m. gn. F. und H. ein Reiswagen mit vier guten Pferden und Geschirr sampt seiner Zugehör in Heerzögen uf ihre Kosten zu stellen schuldig, auch mit zwen Wagenknechten, die sie versolden müssen. Die Zehrung uf den Weg item Beschlag und was an Geschirr zerbricht, bezahlt m. gn. F. u. H."

1622 müssen die Neutscher mehr zahlen als zu Noch-Friedenszeiten 1589: "Verzeichnuss, was der Gemeinde zu Neutz in dem Mansfeldischen Einfall Anno 1622 durch die Pfalzgräfisch-Markgrafen/badisch und Mansfeldischen Völker vor Schaden durch Wegnehmung Viehe, Pferdt und anders zugefügt worden...": 50 Taler für 2 Pferde, 6 Taler für ein Kalb, 3 Taler für ein Schwein, 2 Taler an fahrender Hab, 40 Taler für erlittenen Feldschaden, insgesamt 101 Taler mußte Philips Kliem zahlen, die anderen Einwohner zwischen 10 (Witwe von Philip Keller) und 90 Taler. An Namen der Geschädigten werden aufgeführt: Pilips Kliem, Hans Kliem, Witwe Feyox Becken, Peter Kliem, Hans Kliem, Witwe Philip Keller, Niclaus Keller, Fritz Karst, Hans Rutz, Klosman Ruth und Niclaus Lotz. Der Gesamtschaden für Neutsch: 548 Taler, darunter 12 Pferde, vier Kühe, acht Kälber, acht Schweine. Der Gesamtschaden für das amt Lichtenberg betrug 30873 3/4 Taler.

Nach dem 30jährigen Krieg und der Pest mußten hier vom bereits aus Ernsthofen bekannten Wallbrunner Herrscherhaus Neusiedler angeworben werden, auf den einstmals zehn Huben wurden in der ausgestorbenen Ortschaft zwischen 1679 und 1711 acht Hubenhöfe neu errichtet. Nur ein einziger Einwohner hatte das mörderische 17. Jahrhundert überlebt: Niclaus (Kloss) Keller.

Acht Höfe wurden neu besiedelt: vier Familienoberhäupte namens Keller (Philipp, Johann Adam, Johann Konrad und Johann Nikolaus), außerdem Johannes Müller (Vorfahr des Chronik-Verfassers), Johann Philipp Seeger, Ludwig Schmitt und Johann Peter Pritsch. Diese acht Gehöfte sind noch heute im Lageplan des Dorfes gut erkennbar. Im Kaufbrief vom 3. Juli 1711 heißt es, daß Johann Peter Pritsch, Sohn des aus Schornsheim in Rheinhessen stammenden Küfers Johannes Pritsch, "das achte Theil an dem Dorf Neitsch... wie es ehedessen Martin Keller daselbst besessen und innegehabt... for 150 Gulden rheinisch erb- und eigenthümlich" auf jährliche Abzahlung erhielt. Er mußte jedoch ohne Verzug aus eigenen Mitteln Haus und Scheuer erbauen, und blieb doch weiter abhängig. Zwar war der Kauf des Landes preisgünstig: umgerechnet 342,- DM, mit einer Anzahlung 45,60 und jährlichen Raten von 34,20 DM. Das konnte innerhalb von neun Jahren abgezahlt sein. Aber es mußte auf ewige Zeiten Hafer, Korn, Geflügel und Bede in Höhe von jährlich 235 DM gezahlt werden. Die Herrschaft behielt sich für alle Zeiten Land und Hof als Unterpfand, falls Gült und Bede einmal nicht gezahlt würden.

Was es mit den Abgaben Gült, Bede, großer Zehnt, Blutzehnt auf sich hat, habe ich im Jahrbuch 2021 "Spinnstubb 2.0" im Beitrag zur Landwirtschaft vor 250 Jahren bis heute erläutert. Zu den Angaben in D-Mark: der Verfasser der Neutscher Chronik gibt zur Kaufkraft folgendes an: 1 Gulden war 1948/48 2,28 DM wert, für 8,5 Gulden konnte man 1711 ein Malter Korn kaufen, das 1947 19,40 DM kostete. Die Umrechnung von DM auf Euro im Jahr 2002 erfolgte in etwa 2:1, eine DM war 0,511 Euro wert, bzw. ein Euro 1,95 DM. Das Malter Korn hätte also 1947 etwa 10 Euro gekostet, heute
- wir müssen zuerst den aktuellen Preis pro Tonne = 275 Euro auf ein Malter = 100 Liter umrechnen: 1 Liter = ungefähr 750 Gramm Getreide, also wiegt ein Malter Korn ungefähr 75 Kilogramm -
und kostet heute etwa 20 Euro. Die 150 Gulden Rheinisch für den Kauf entsprechen also nach heutiger Kaufkraft (1 Gulden entspricht 2,70 Euro) 405 Euro, aber an Abgaben mußten umgerechnet jährlich ohne Ende fast 2/3 des Kaufpreises gezahlt werden!

Doch zurück zur Chronik: Die Siedler blieben also im Gegensatz zu Amerika-Auswanderern zeitlebens abhängig, obwohl auch die Neutscher Siedler Pionierwerk leisteten, wie Dr. Müller darlegt. Die Fluren waren zwei Menschenalter lang nicht mehr beackert worden, sie mußten neu roden um etwas anbauen zu können. Dabei waren dem Hochfürstlichen Landgrafen Ernst Ludwig zu Hessen seine Hirsche für die Parforcejagden wichtiger als die Not seiner Bauern.  Dr. Müller trug die Belege für diese Not zusammen aus Steuerquittungsbüchern, aus den Flurbüchern der Gemeinde, aus Briefen und Notizzetteln, und gab dem Ergebnis die intensive Form engagierter literarischer Darstellung. Man liest die Empörung mit im Absatz über eine fürstliche Fräuleinsteuer: "die Neutscher mußten also sogar für eine Prinzessin zahlen, die sie gar nichts anging".

 

Das Quittungsbuch der Familie Pritsch aus Neutsch aus dem Jahr 1722, Foto aus der Chronik

Landwirtschaft nach dem 30jährigen Krieg, der Pest und der folgenden Wirren

Zuvor war das gesamte Ackerland um Neutsach in drei Fluren eingeteilt: Oberfeld, Niederfeld und Gotteshäuschenflur. Jeder Bauer hatte gleichberechtigt in jeder Flur seine Äcker. Es wurde im ersten Jahr roggen, Weizen und Wintergerste angebaut, im zweiten Jahr Gerste und Hafer, im dritten Jahr blieb der Boden unbebaut und man trieb das Vieh auf die Flächen. Im Juni des darauffolgenden Jahres wurde umgebrochen (Juni = nach Karl d. Großen Brachmond) und im September nochmals, dann wurde Winterfrucht gesät. Dies ist die klassische Dreifelderwirtschaft.

Nach der Entvölkerung des Dorfes und der Wüstlegung der Äcker mußte die landgräfliche Regierung 1649 die Dreifelderwirtschaft neu einführen, da niemand mehr sie beherrschte. Vielfach wurde auch trotz Hungersnot keine Frucht angebaut sondern Tabak, den die englischen Hilfstruppen des Winterkönigs (Friedrich V. aus dem Haus Wittelsbach, Linie Pfalz-Simmern, Pfalzgraf und Kurfürst von der Pfalz 1610 bis 1623) um 1620 nach Deutschland gebracht hatten. Einige Äcker blieben auch wüst aufgrund nicht bezahlbarer Pacht oder Steuern.

Das Wenige, das in diesen Jahren angebaut wurde, ließ sich besser auf den Märkten von Frankfurt und Mainz verkaufen, so daß die Regierung der Landbevölkerung befehlen mußte, ihre Frucht zuerst den heimischen Märkten anzubieten. Die Müller streckten das Mehl, und vielerorts wurde lieber verbotenerweise Fruchtbranntwein aus der Nahrung erzeugt.

Die acht neu angesiedelten Bauern in Neutsch erhielten je ein Achtel der Dorfgemarkung. Laut dem ältesten erhaltenen Flurbuch von etwa 1700 besaß einer der Acht, Johannes Müller (1654-1721), der Vorfahr von Dr. Adolf Müller, dem Verfasser der Chronik von Neutsch, bei seinem Tod ein Haus, Schuppen, Backhaus, Scheuer, Schweinestall und Hausgarten sowie eine Gesamtfläche der Hofreite von 48 Ruten (Quadratrute nach Darmstädter Maß: 160 Ruten = 1 Morgen, bitte lesen Sie zu den Maßen "Wurde die Riesensäule im Lauf der Jahrhunderte kürzer und länger, dicker und schlanker?" im Jahrbuch 2022! Das Durchblick-Jahrbuch: Spinnstubb 2.0), also 0,3 Morgen. Die dazugehörigen Feldflächen betrugen in den drei Fluren insgesamt 31,5 Morgen, dazu kamen 10 2/3 Morgen Wiese, deren keine zwei Mahden brachten (die zweite Mahd, die Grummet, entfiel. Die erste Mahd heißt Heu, die zweite Grummet von "Grünmahd"). In den Zeiten als die Äcker nicht bestellt wurden, hatte der Wald sich wieder ausgebreitet. Seit dem Mittelalter galt das Gesetz, daß ein Bauer verwaldete Äcker nur zurückgewinnen durfte, wenn zwei Ochsen mit einem Joch die jungen Stämme umdrücken konnten. Ansonsten war die Fläche verloren. Die Neusiedler machten die ehemaligen Äcker wieder urbar, und Johannes Müller wurden 34 Morgen an ungerodetem Wald zugeordnet.

Insgesamt besaß Johannes Müller bei seinem Tod 1721 also 75 Morgen Land, davon 34 Morgen Wüstenei. Dafür mußten jährlich 129,38 Gulden (1949: 295 Mark) an Abgaben gezahlt werden, außerdem pro Pferd 5 Gulden, pro Kuh 3 Gulden.

Den Mühen der Bauern stand die fürstliche Lebensweise entgegen: in Bauten und Präsentation wurden die Franzosenkönige nachgeahmt, man lebte in Prunk und Überfluß, der Jagdleidenschaft fielen oftmals die Äcker zum Opfer, bei Parforcejagden trampelten das gehetzte Wild und die Meute der Hunde, Pferde und Reiter ganze Saatfelder nieder.

Ein junger Adliger aus Preußen schrieb damals: "Die Mehrzahl der Könige und fürsten verbringt drei Viertel ihres Lebens auf der Jagd ... und doch taugt von allen Vergnügungen Jagd am wenigsten für einen Fürsten... Fürstenberuf ist es, richtig und gerecht zu denken. Fürsten sollten ihren Geist üben..." Dieser junge Mann wurde später als Alter Fritz oder Friedrich der Große bekannt.

Hinzu kam, daß den Neusiedlern weder durch die Regierung noch durch Feldmesser Unterstützung bei der sinnvollen Aufteilung der Fluren in Äcker und Wiesen gewährt wurde. So teilte man die Gewanne nach althergebrachter Sitte in unzweckmäßige Flächen auf.

Da nach den Kriegs- und Pestwirren in allen Gemeinden Neusiedler versuchten, wieder eine funktionierende Landwirtschaft aufzubauen, entstanden vielerorts Grenzstreitigkeiten. Heute noch zeugen davon Flurnamen wie Streithain, Streiterberg, Streithecken. Und immer wieder gab es Streit mit den herrschaftlichen Pächtern der landgräflichen Hofgüter, hier dem Neutscher Hof.

In einigen Gewannen konnte nur einmal in drei Jahren geerntet werden, da die Felder zwei Jahre brauchten um sich zu erholen. So z.B. im Mäusrain, im Hundsrück und weiteren Flurstücken. Man nahm daher gern Pachtland an. Oft auch zu Fantasiepreisen. Als die Neutscher das wüste Gemeine Rodt wieder urbar machten, verfügte der Landgraf, daß gut die Hälfte (10 Morgen) an den landgräflichen Erbleihhof (Neutscher Hof) abgegeben werden mußten. Auch anderweitig übervorteilte die landgräfliche Verwaltung die Bauern: eine Pacht ist entweder jährlich oder flürlich zu zahlen. Bei flürlicher Zahlweise fällt die Pacht alle drei Jahre aufgrund der Dreifelder-Brache weg. Laut Neutscher Bestandsbrief war jedoch die Pacht (6 Malter) jährlich UND flürlich zu erbringen. So mußten die Bauern 1739 274 Mark Pachtgeld schuldig bleiben, und diese Schuld wuchs. Die Neutscher Bauern mußten ihr Einkommen durch Leineweberei aufbessern.

Erst 1820, als die Hessische Verfassung in Kraft trat, war es Leibeigenen wie "freien" Bauern gestattet auszuwandern. Amerika schien allen als die große Freiheit, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten...

Die Ursachen der Verarmung der Landbevölkerung wurden in einer Zusammenstellung von 13 Standesherren unter Führung des Fürsten von Solms-Braunfels genannt: die über alle Maßen erhöhte Besteuerung des Grundvermögens habe zum Wertverlust der Grundstücke geführt, hinzu kämen indirekte Steuern wie das Salzmonopol. Die Regierung besteuerte das Salz kräftig und forderte zugleich seinen Gebrauch: für jedes Schwein sind 3 Pfund Salz einzusetzen, für jeden Menschen über 8 Jahre 14 Pfund. Die acht Neutscher Familien hatten 1821 für 466 Gulden (= 1708 Mark, 1949) Salz abzunehmen. Die Bauern müßten ihre Ernte verschleudern und den Winter über von Brot, Kartoffeln und Wasser leben. Der Ackerbau werde vernachlässigt, es werde wenig Vieh gehalten und zu knapp gefüttert, weil Heu und Stroh anderweitig verkauft werden müßten. Feldbestellung und Düngung litten darunter, so daß es von Jahr zu Jahr schlechter werde.

Pacht und Steuer waren in Form von Getreide zu entrichten und blieben so wertbeständig für den Einnehmer. Die Getreidelieferungen waren ewig, das heißt sie stiegen um einen Zinssatz von etwa 4% und konnten nicht abgelöst werden. Der Walbruner erhielt von Peter Pritsch jährlich den Gegenwert von 236 Mark in Getreide, nach 100 Jahren wäre diese Summe auf 296000 Mark angewachsen, wie Dr. Müller darlegt. Hätte Pritsch diese Rente an den Walbruner und später den Landgrafen ablösen dürfen, hätte sie ihn 5900 Mark gekostet. Dr. Müller wörtlich: "Wenn man diese Umstände berücksichtigt und bedenkt, daß v. Walbrun gar nicht Eigentümer des Geländes gewesen war, das er verkauft hatte, wird man ihm das Prädikat 'geschäftstüchtig' nicht vorenthalten können."

1811 wurde die Leibeigenschaft aufgehoben, und die Neutscher wurden von der Entrichtung der Leibeigenschaftsgefälle befreit. Aber die Frohnden blieben: Fronarbeiten machten einen großen Teil der Arbeitszeit aus.

Landgraf Ernst Ludwig verpachtete 1718/19 einem Frankfurter Geschäftsmann das alleinige Recht, mit Tabak und Tabakspfeifen zu handeln. Die Bauern durften keinen Tabak für ihren Eigengebrauch mehr anbauen, vorhandene Vorräte waren sofort abzugeben. Irdene Pfeifen wurden verboten, alle Pfeifen mußten den Stempel dieses Geschäftsmannes tragen. Das hatte die Bevölkerung aufgebracht, und nun - 100 Jahre später - trat sie in den Steuerstreik. Aber die immens angewachsenen Steuerrückstände drückten die Landbevölkerung nach wie vor. Wer konnte, wanderte aus - mit unterschiedlichem Ausgang.

Die vermeintliche Überbevölkerung sollte durch Auswanderung elegant geregelt werden, doch vielen blieb gar nichts anderes übrig, und vielerorts wurde die zu Bettelei und Armut heruntergekommene Landbevölkerung gefördert - mit maßvollem bis starkem Nachdruck - sich auf den Weg nach Bremen zu den Überseeschiffen zu machen. Aus Neutsch wanderten vier Familien aus, aus Ernsthofen 18, aus Ober- und Nieder-Beerbach 15, aus Ober-Ramstadt 58. Wer es nicht schaffte, wurde in den Städten zum Lumpenproletariat. Die Städte wuchsen, die Industrialisierung nahm zu. Die Landflucht brachte Arbeitskräftemangel auf dem Land mit sich. In Neutsch wurden die ursprünglichen acht Höfe geteilt, künstliche Düngung und Maschineneinsatz machten dies möglich. So entstanden sechzehn moderne Höfe, deren 1949 nur noch die Keller, Müller und Pritsch von den Gründern übrig waren. Müller ist als Bauernsippe ausgestorben, Keller hatte einst vier Höfe, jetzt nur noch einen, Pritsch hat heute drei Höfe. Es waren im 18. Jahrhundert die Familien Daum und Roßmann hinzugekommen, im 19. Jahrhundert die Familien Bickelhaupt, Lautenschläger, Poth, Rutz und Schuchmann.

Landwirtschaft im 20. Jahrhundert: 1. und 2. Weltkrieg

In den Kriegen erinnerten sich die hungernden Städter wieder der heimischen Landwirtschaft, als aufgrund von Blockaden Warenlieferungen ausblieben. Die Bauern, die nie vom zunehmenden Liberalismus der Märkte profitieren konnten, war gezwungen zu produzieren. "Ich muß euch doch allesamt erhalten" heißt es im Bauernlied.

Landwirtschaft in Neutsch: am Beispiel des Neutscher Hofes

Ein Blick in unsere Landschaft verrät: hier gibt es reichlich Landwirtschaft. Unbewaldete Flächen sind oft Ackerland, auch wenn sich Weideflächen immer stärker ausbreiten. Aber lebt auch ein entsprechender Anteil der Bevölkerung hier in den Ortschaften von der Landwirtschaft?
Das ist nicht der Fall, im Lautertal und Modautal gibt es zusammengenommen nur noch elf Vollerwerbslandwirte. Alle anderen Flächen werden im Nebenerwerb bewirtschaftet, man geht einer anderweitigen Vollzeitbeschäftigung nach und hat zusätzlich noch einmal genau soviel Arbeit auf dem Hof. Das sehen die wenigsten beim Spaziergang durch unsere abwechslungsreiche Landschaft.
Bio ist heute in aller Munde, aber die Umstellung von konventioneller Landwirtschaft auf biologische ist nicht mit ein paar Änderungen erledigt. Alle möchten sich Bio ernähren, doch was bedeutet das für einen Landwirt? Es gibt Betriebe, die bereits seit fast 100 Jahren ohne Kunstdünger und Pestizide arbeiten. Diese wurden gerne als "Mondscheinbauern" verspottet: man vermutete daß sie nachts ihre Äcker mit den entsprechenden Agrochemikalien versorgten. Ein solcher Landwirt, dessen Eltern bereits biologisch-dynamisch arbeiteten, ist Rainer Windirsch vom Neutscher Hof.
Seine Eltern kauften den Hof 1959 und stellten sofort auf bio-dynamische Wirtschaftsweise um, hatten diese zuvor auch auf ihrem Hof im Sudetenland angewendet. Der Neutscher Hof an der Hutzelstraße hatte damals 19 Hektar Eigentum in arrondierter Lage. 1963 übernahm der ältere Bruder Werner Windirsch den Hof mit inzwischen 48 Hektar, die von anderen Landwirten hinzugepachtet wurden, die selbst ihren Betrieb aufgegeben hatten. Heute sind Werner und Rainer Windirsch im Ruhestand, die Flächen werden weitgehend von den Nieder-Ramstädter Heimen bewirtschaftet - weiterhin in biologischer Anbauweise.
Die Geschichte des Neutscher Hofes, der bereits 1921 ans Stromnetz angeschlossen wurde und einer von elf Aussiedlerhöfen rund um Neutsch war, sowie weitere spannende Informationen zur Situation der Landwirte in unserer Region im Laufe der letzten 250 Jahre lesen Sie in meinem Jahrbuch 2021 "Spinnstubb 2.0" auf Seite 88. Der Neutscher Hof ist übrigens bereits ans Glasfasernetz angeschlossen, denn außerhalb liegende Betriebe wurden vorrangig versorgt.

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Die Hutzelstraße finden Sie in einigen meiner Beiträge, geben Sie einfach das Suchwort "Hutzelstraße" in die Suchfunktion ein, sie wird auch im Jahrbuch 2023 beschrieben!

Marieta Hiller, im Januar 2022