Seit 2015 habe ich neue Freunde: zuerst kamen geflüchtete Syrer, später Männer aus dem Irak und Eritrea, und einige Familien mit Kindern zu uns in die Gemeinde. Wir haben zunächst Deutsch geübt, überall in dem kleinen Zimmer in der Unterkunft in Lautern klebten Post-its mit deutschen Wörtern: Heizung, Fenster, Lichtschalter, Schrank, Tasse etc. Aus diesem Anfang wurde sehr viel mehr, und heute sind alle "meine" Freunde berufstätig, viele haben inzwischen Familie und sind in Deutschland gut integriert. Lesen Sie weiter unten die ganze Geschichte, was wir gemeinsam unternommen haben. Aber zuerst:
März 2026: Bundeskanzler Merz muß seine Aussage zum Thema "Stadtbild" erklären...
Ein begnadeter Redner ist Merz nicht. Immer wieder muß er erklären, "was ich damit sagen wollte, ist..." Die Mediendarstellung zur Stadtbildaussage von Merz ist interessant: es gab nämlich zunächst eine Umfrage des ZDF für das Politbarometer, durchgeführt von der Forschungsgruppe Wahlen. Da war in der Sendung von 63% Zustimmung zur Aussage die Rede. Wie die entsprechende Frage der Forschungsgruppe tatsächlich lautete, war in der PDF vom 23.10.25. nachzulesen:
"Bundeskanzler Friedrich Merz hat davon gesprochen, daß es in Deutschland Probleme im Stadtbild gibt. Konkret benannt hat Merz jetzt daß es Probleme mit denjenigen gibt, die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben, nicht arbeiten und sich nicht an unsere Regeln halten. Hat er damit recht oder nicht?"
Hier der Text der Sendung: Mainz, 24.10.2025
"Letzte Woche hat Bundeskanzler Friedrich Merz von Problemen im deutschen Stadtbild gesprochen. Jetzt hat er seine Aussage konkretisiert und erläutert, dass es mit denjenigen Probleme gebe, die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben, nicht arbeiten und sich nicht an unsere Regeln halten. In einem Politbarometer-Extra zu diesem Thema meinen 63 Prozent der Befragten, darunter deutlich mehr Ältere als Jüngere, Merz habe mit dieser Aussage Recht, für 29 Prozent hat er das nicht (Rest zu 100 Prozent hier und im Folgenden jeweils „weiß nicht“). 33 Prozent der Deutschen fühlen sich an öffentlichen Orten und Plätzen unsicher, 66 Prozent aber sicher. Zwischen Männern und Frauen gibt es dabei so gut wie keine Unterschiede. Mit Flüchtlingen in der eigenen Wohngegend gibt es nach Ansicht von lediglich 18 Prozent Probleme (geringe/keine Probleme: 74 Prozent)."
Merz hat also zuerst gesagt, daß es Probleme im Stadtbild gibt. Damit hat er allen Menschen mit "Migrationsoptik" (Zitat Abdelkarim, Kabarettist) die Erlaubnis abgesprochen in unseren Städten zu sein.
Später veränderte er seine Aussage. Merz nannte das "konkretisieren". Populistische "QualitätsMedien", der Herr Dobrindt und die AfD nahmen aber nur den ersten Teil auf, und zwar mit Begeisterung.
Nun muß man aber wissen, daß die von Merz in der zweiten "konkretisierten" Äußerung gemeinten ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus, ohne Arbeit und die sich nicht an unsere Regeln halten, nur etwa 1000 Menschen in Deutschland sind. https://www.forschungsgruppe.de/Umfragen/Politbarometer/Archiv/Politbarometer_2025/Oktober_II_2025/FraboPB_KW43_2025_1.pdf
Noch ein paar Infos dazu:
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Tabellen/auslaendische-bevoelkerung-aufenthaltsrechtlicherstatus.html
Ausländische Bevölkerung (nach aufenthaltsrechtlichem Status insgesamt: 14061640
ohne Aufenthaltstitel, Duldung und Gestattung : 543 175
Angabe von Google KI: "Es gibt keine genaue Zahl für "Migranten, die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben, nicht arbeiten und sich nicht an unsere Regeln halten, da dies eine komplexe und nicht direkt statistisch erfasste Gruppe darstellt. Statistiken zeigen jedoch, dass Ende 2024 rund 221.000 Ausreisepflichtige in Deutschland lebten, wovon etwa 179.000 Geduldete waren. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 180.000 und 520.000 Menschen ohne gültigen Aufenthaltstitel, Gestattung oder Duldung im Land sind; der Aufenthalt ist strafbar."
https://www.proasyl.de/thema/fakten-zahlen-argumente/asyl-in-zahlen/
Im Ergebnis war das BAMF im vergangenen Jahr (2023) also mit mehr als 90.000 hochbürokratischen ein- und ausgehenden Dublin-Verfahren beschäftigt, um im Ergebnis 800 Asylverfahren abgeben zu können.
Und jetzt das noch:
Februar 2026 - ein Zitat: "es ist wohl für den gesellschaftlichen Frieden wichtig, dass jetzt die CDU an den Drücker kommt und - in Gottes Namen - ein paar regulierende migrationspolitische Neuerungen auf den Weg bringt. Die Volksseele bedarf dringend einer Beruhigungspille. Diese können SPD, Grüne oder Linke nicht beisteuern." Dieses Zitat belegt, wie naiv selbst Grüne die aktuelle Entwicklung noch vor wenigen Wochen beurteilten!
Am 25.8.25 verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz: „unser Sozialstaat von heute ist nicht mehr finanzierbar“
Um das zu ändern, hat er und die heutige CDU vor allem "arbeitsunwillige Sozialschmarotzer" (gemeint sind krankheitsbedingte Langzeitarbeitslose) und Asylsuchende. Der Mann fürs Grobe (Alexander Dobrindt, CDU), stand augenblicklich bereit, um einmal mehr AFD-Positionen zu übernehmen (wer wählt schon die blaugetünchte CDU, wenn er das Original haben kann?). Dobrindt also setzt nun auf Seehofers Obergrenze noch einen drauf und läßt nun nicht nur Ober- Unter- Rechts- und Linksgrenze, sondern die ganze Bundesgrenze bewachen.
Was hatten wir bisher für eine soziale CDU! Als Angela Merkel noch Bundeskanzlerin war, hieß es "Wir schaffen das" anstatt "bei uns geht alles den Bach runter". Und ja: vieles haben wir geschafft, wobei unter wir vor allem Ehrenamtliche zu verstehen sind, die 2015 erkannten, daß die vielen Geflüchteten aus Syrien hier nicht integriert werden können, wenn nicht aus der Bürgerschaft Unterstützung erfolgt. Die Jobcenter waren logischerweise völlig überfordert, das ging sogar soweit daß Fallmanager des Jobcenters uns Ehrenamtliche um Hilfe baten.
Es dauerte ein Dreiviertel Jahr, bis die ersten Integrationskurse starteten. Dort lernten syrische Geflüchtete - und später auch irakische und eritreische - erstmal Deutsch. Doch was mir immer wieder auffiel, war daß sich Deutschkenntnisse erst dann festigten, wenn der Betreffende (es waren nur Männer) einen festen Arbeitsplatz hatte. Wie schnell fanden dann endlich urdeutsche Worte wie Arschloch und Scheißdreck ihren Weg über seine Lippen! Außer Deutsch lernten sie auch wichtige Fragen zur politischen Landschaft der DDR vor über 30 Jahren. Das war sehr wichtig, denn wer unsere Bundeskanzlerin war wußten sie alle aus dem FF: Angela.
Es stand in GEO 10/24: 1% mehr Einwanderung = 2% mehr BIP / 2015 erfolgte die Erstregistrierung von ca. 890.000 Schutzsuchenden, 2023: bis September 2023 gab es 290.000 Asylanträge
Dazu nun endlich meine - zugegebenermaßen sehr lange Geschichte:
ich habe seit 2015, als die syrischen Flüchtlinge kamen, per Facebook mit ihnen kommuniziert. Emojis haben dabei sehr viel geholfen (übrigens hat ein Statistiker ein Bilderbuch ganz ohne Sprache, nur mit Emojis gemacht, hab ich kürzlich in Arte gesehen, Geschichte der Schrift o.ä. 3. Teil - aber ich komme schon wieder ganz vom Weg ab...) also wenn man außer ein paar Brocken Englisch keine gemeinsame Sprache hat, ist das sehr hilfreich. Vor 10 Jahren gab es nur den fantastischen Google Translater, der oft unglaublichen Mist übersetzt hat. Aber wir konnten über Facebook alles hervorragend organisieren, Deutschlernen, Ausflüge, gemeinsam Kochen etc.
Ich war in Facebook permanent parallel zu meinen Arbeitsprogrammen online, und jedesmal wenn es plingte wurde ich sofort abgelenkt. Das ist das Eine.
Das Andere ist, daß im Lauf der Zeit tatsächlich eine Blase entstand, die durch unsachliche bis unflätige Äußerungen zum Flüchtlingsproblem (warum eigentlich Problem? Anderer Punkt...) gefüttert wurde. Als alle einigermaßen Deutsch verstanden, habe ich meinen FC-Account daher gelöscht.
Ähnlich war es mit WhatsApp: unser Verein hatte eine Gruppe, und jedesmal wenn einer Geburtstag hatte, kamen ca. 50 Posts, immer alle an alle. Die EINE vielleicht wichtige Mitteilung ging dann garantiert unter. Und mein Handy war bald voll mit Katzen- und Essensfotos. Also habe ich das vor Jahren auch abgestellt.
Jetzt ist Ruhe, und ich habe Zeit, lange Beiträge auf diesen Seiten zu schreiben... und es ist ein sehr sehr langer Beitrag geworden, und vielleicht funktionieren die alten Verlinkungen nicht mehr, aber alle, die Friedrich Merz und seiner unsäglichen "Stadtbild"-Äußerung zustimmen, sollten sie unbedingt bis zum Ende lesen! 😉
Was im Dezember 2016 als Adventskalender begann, sollte eine bewegende Geschichte erzählen, die Tag für Tag weiter geschrieben wurde. Angefangen hat alles im Dezember 2015, als ich mich bereit erklärte, in den Wintermonaten - da ich ja während der Saison im Felsenmeer aktiv war! - den Geflüchteten, die in meinem Dorf gestrandet waren, Deutschunterricht zu geben. Aus drei Monaten, in denen ich erstmals in einem abhängigen Lohnverhältnis ein paar Euros verdiente, wurde danach mehr: aus dem Job wurden Freundschaften, plötzlich hatte ich drei neue "Söhne" aus Syrien. Bald schon erklärte ich ihnen allerdings, daß ich nicht ihre Mama sein will, sondern ihre große Schwester. Schließlich sollen sie hier unabhängig und selbständig leben können.
Aus aktuellem Anlaß - die ARD-Doku Merkels Erbe – 10 Jahre "Wir schaffen das!" lief gestern im Ersten - muß ich diese zehn Jahre aus meinem persönlichen Blickwinkel nochmals Revue passieren lassen. Noch heute stehe ich mit einigen syrischen Geflüchteten in Kontakt, sie haben inzwischen Familie, Arbeit, Wohnung und teilweise auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Aber das ist ein langer Weg, bis man wirklich sagen darf "bin isch Kartoffel jetzt". Wie leicht ist es, einfach ins Deutschsein geboren zu werden...
Doch zurück nach 2016 - die Originalabsätze aus 2016 sind jeweils in grüner Schrift, aktuelle Ergänzungen in schwarz.
Aus der Freundschaft zu den Dreien wurde dann noch mehr: in der Sammelunterkunft in meinem Dorf lebten seit November 2015 im Schnitt 45 Geflüchtete aus Syrien und Irak, Araber und Kurden. Nur 20 von ihnen hatten das Glück, gleich in den ersten Monaten deutsche Familien kennenzulernen, die ihnen eine Partnerschaft angeboten haben. Die anderen hatten niemanden, und es meldeten sich auch keine weiteren Familien mehr, die sich um einen oder mehrere der Geflüchteten kümmern wollten.
Dagegen fanden sich im Netzwerk Vielfalt Lautertal etwa 30 Menschen zusammen, die gemeinschaftlich dafür sorgten, daß die "Jungs" wie wir sie liebevoll nannten (denn es waren nur alleinstehende Männer) zu Arztbesuchen, Behörden, Ausflügen, Vorträgen, Veranstaltungen unsere Betreuung hatten. Es war viel Arbeit, die komplett ehrenamtlich ohne Bezahlung geleistet wird.
2025: Als Angela Merkel sagte "Wir schaffen das" - war mir klar: ja, wir können das schaffen, aber nur durch intensiven ehrenamtlichen Einsatz. An vielen Abenden konnte ich nicht einschlafen, weil mir Bilder durch den Kopf gingen: Geschichten von Flucht, Beinahe-Ertrinken, von Schleppern, ruhiggestellten Kindern im Kofferraum, einem syrisch-türkischen Grenzübergang in der gnadenlosen Hitze, an dem Versuche immer wieder scheiterten. Bilder von Menschen, die ganz offensichtlich unter posttraumatischen Belastungen litten, und denen nicht geholfen werden konnte. Denn unser Staat brauchte allein für das Organisieren von Integrationskursen für die zahllosen Geflüchteten ein Dreiviertel Jahr. Psychologische Hilfe fanden einige erst nach fünf Jahren - sofern diese dann noch erforderlich war. Die meisten fanden ihren Weg auch ohne Therapie. Von den wenigen, die es nicht schafften, hören wir gelegentlich in den Nachrichten (Solingen, Bielefeld, Aschaffenburg, Magdeburg...)
2016: Was ich in diesem intensiven Jahr erlebt habe, schreibe ich hier nieder. Es werden schöne oder traurige, spannende oder märchenhafte, uralte oder aktuelle, erschreckende, rührende Fluchtgeschichten. Es war Dezember, und erstmals seit meiner Kindheit machte ich mir wieder Gedanken über die Bedeutung des christlichen Advent. Advent ist im Christentum die Zeit, in der wir die Ankunft Jesu Christi erwarten. Denn auch die heilige Familie war gezwungen ihre Heimat zu verlassen, fand keine Herberge und mußte im Stall bei den Tieren schlafen. Advent bedeutet Ankunft. Zu Adventsbeginn 2016 feierten wir den Jahrestag der Ankunft von 1,09 Millionen Flüchtlingen in Deutschland.
2017: Wieder jährt sich bald der Advent: wir haben Oktober 2017, ein weiteres Jahr der intensiven Kontakte.
"Westliche und arabische Kultur – Unterschiede und Ähnlichkeiten"
Was ist Heimat?
In 2000 Jahren gab es im Odenwald mehr Auswanderer als Einwanderer, es war immer eine arme Gegend, die vorwiegend Köhlern, Pottaschensiedern, Sodaherstellern und Harzbrennern ihr Auskommen sicherte. In jenen notleidenden Zeiten galt Ein- wie Auswanderern der Wahlspruch "ubi bene ibi patria" - "wo es gut ist, dort ist das Vaterland."
Unser Vaterland bzw. die Heimat ist also schon immer durch Wahl bestimmt, nicht durch Geburt. Wir sind keine Deutschen, sondern wir waren nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) Schweizer, Böhmer, Siebenbürger, Hugenotten, Ruhrpolen - bis hin zu den übriggebliebenen Kelten und Römern. Ein multikulturelles Gemeinwesen par excellence! Damit läßt es sich doch gut identifizieren... Zu jener Zeit bestimmte der Landesherr die Religion der Untertanen. Bei häufigem Herrschaftswechsel waren die Menschen innerhalb einer einzigen Generation katholisch, lutherisch, reformiert, wieder katholisch etc. Wer den Religionswechsel nicht mitvollziehen wollte, mußte auswandern. Dies taten vor allem Lehrer und Pfarrer. Das Auswandern aber war bei hohen Strafen verboten. Denn die Untertanen brachten ihrer Herrschaft Fron, den Zehnten, Gebühren usw. ein.
Man kann die Menschen aus der Heimat vertreiben, aber nicht die Heimat aus den Menschen - Erich Kästner
2017: Das schrieben mir Gäste auf dieser Seite:
- Heimat ist für mich wo meine Freunde sind
- Heimat ist der Ort, für mich, überall dort wo ich Menschen begegne, die mich lieben wie ich bin die mich verstehen, wo ich Sicherheit und Geborgenheit spüre und ich gerne lebe ohne Vorurteile egal welcher Konfessionen!
- Heimat ist, wo die Familie und Freunde sind!
Heimat ist ein politisch stark strapazierter Begriff, vielfach mißbraucht und mißverstanden. Aber wer - wie ich - als Kind 14 mal umgezogen ist, 14 mal in ein fremdes Sozialgefüge geworfen wurde, der weiß es besonders zu schätzen. Seit fast 40 Jahren lebe ich jetzt am selben Ort, im selben Haus, vorsätzlich habe ich damals beschlossen, daß hier nun meine Heimat ist. Doch ganz tief drinnen ist es noch immer nicht angekommen, Wurzeln wachsen nicht in einem Menschenleben.
Der Mensch braucht Wurzeln um fliegen zu können - diese Weisheit wird J.W.v. Goethe zugeschrieben, sie kann aber auch aus Osteuropa oder aus jedem Winkel unserer Erde stammen, denn sie ist eine grundlegende Basisweisheit der Menschen.
2017: Miteinander kochen: Rezepte aus der Heimat von Geflüchteten und Wegbegleitern
Gemeinsames Kochen verbindet Kulturen. Diese Erfahrung machte die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin und Trauerbegleiterin Nici Friederichsen (Hannover). Sie besuchte Geflüchtete quer durch Deutschland, kochte mit ihnen und mit ihren Un-terstützern, hörte ihnen zu und entdeckte neue Welten. Daraus wurde ein Projekt mit mehr als 50 Beteiligten, die alle unbeirrt den Weg der Integration gehen. Das Buch zeigt Rezepte aus Syrien und Afghanistan, aus Algerien und Montenegro, aber auch aus Stralsund und Göttingen. Dazu erzählt Nici Friederichsen die Geschichten der Geflüchteten und die ihrer deutschen Helfer und Freunde. Ein Mutmacher-Buch für die vielen Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe, das zur Nachahmung anregen will: gemeinsam einkaufen, kochen und essen. Autorin, Verlag und alle Mitwirkenden verzichten auf Honorar, so kann pro verkauftem Buch ein Euro gespendet werden. Der Erlös geht je zur Hälfte an den Bundesverband der Tafeln und an den Bundesverband Trauerbegleitung. Buchbranche, Vereine und Verbände unterstützen das Projekt. „Kochen bedeutet Heimat, besonders für die vielen Geflüchteten, die inzwischen bei uns leben. Das gemeinsame Erlebnis des Kochens und Essens ist ein wichtiger Beitrag zum Kennenlernen und zur Begleitung in den aktuellen Lebensthemen von Flüchtlingen,“ so Verleger Bernd Weidmann (Verlag Die Werkstatt Göttingen); erhältlich im Buchhandel unter ISBN 978-3-7307-0296-3, 4€ inkl. 1€ Spende.
2017: Was bedeutet Heimat für mich? Kindheitserinnerung oder Zuflucht
Lange Jahre war der Begriff Heimat fast nicht gesellschaftsfähig, ohne gleich nach „Blut & Boden“ zu klingen. Nationalsozialistische Strömungen, heutzutage euphemistisch als „populistisch“ verkleidet, hatten das Wort Heimat für sich belegt. Doch seit Flüchtlinge in einer Größenordnung von über einer Million Menschen nach Deutschland kamen, setzen sich viele automatisch auch verstärkt mit dem Thema Heimat auseinander, ohne plötzlich nationalistisch geworden zu sein. Eine riesige Zahl an Menschen hat das Wichtigste verloren: ihre Heimat. Goethe hat mal gesagt: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Das bedeutet: in die Höhe fliegen kann nur, wer weiß wo er herkommt. Nämlich aus seiner Heimat, sei diese nun geografisch oder kulturell gemeint. Flüchtlingswellen sind nichts Neues: weltweit war seit 2012 eine steigende Zahl von Flüchtlingen unterwegs: 45 Millionen 2012, 65 Millionen 2016. Der Zweite Weltkrieg löste eine Fluchtbewegung für 30 Millionen Menschen aus, der Bangladesh-Krieg 1971 sogar 40 Millionen. Die Völkerwanderung nach dem Einfall der Hunnen in Europa (4.-6. Jh. n. Chr.) interessierte leider stets nur die Strategen unter den Historikern, nicht die Humanisten, und so ist über die Zahl der betroffenen Menschen nichts überliefert, ebensowenig wie über die Leidtragenden der christlichen Kreuzzüge (11.-13. Jh.). Im 16. Jahrhundert kamen die Hugenotten zu uns, heute überall wohlangesehen und integriert. Marquardt und Lantelme etwa sind hugenottische Familiennamen, auch die bekannten Verlage Blanvalet und Reclam, die Eichbaum Brauerei Worms, Mouson Seifen und Parfüm, Der Autohersteller Peugeot und Vaillant Heiz- und Lüftungstechnologie sowie Ferdinand von Zeppelin und Goldschmiededynastie Fabergé sind Hugenottenfamilien. Schwabenkinder kamen aus Vorarlberg, Tirol, der Schweiz und Liechtenstein zu den Kindermärkten in Oberschwaben, um als Saisonarbeitskräfte bei schwäbischen Bauern zu arbeiten. In den Odenwald kamen nach dem 30jährigen Krieg, als hier manche Dörfer aufgehört hatten zu existieren, etliche Schweizer Familien, deren Namen heute noch bekannt sind: Bitsch, Neff, Hotz, Kredel, Schanz, Glenz, Schönberger, Egly, Dascher, Imhof und Schmucker, auch manche mit Namen Seeger, Brehm, Brunner (siehe Lesetipp). In seinem Buch „650 Jahre Heimatort Gadernheim“ schilderte Pfarrer i.R. Erwin Köber, wie es in seiner Heimat war. Auch er ist Flüchtling: er kam 1989 über Kirchenasyl in Budapest hierher. Seine neue Heimat ist hier, denn für ihn bedeutet Heimat „wo man Geborgenheit und Hilfsbereitschaft findet“. Für viele ist es auch der Ort wo man die Kindheit oder den größten Teil seines Lebens verbrachte. Köbers alte Heimat liegt in Transsylvanien, in Siebenbürgen. Dieser dem Odenwald ähnliche Landstrich im heutigen Rumänien war im 12. Jahrhundert menschenleer. Das Großreich Ungarn wollte ihn besiedeln und ließ dazu „Bauernfänger“ die Bauern an der Mosel anwerben, die hier ein neues Leben beginnen wollten. Viele gingen mit, denn das Deutsche Reich war gemessen an der gerodeten Fläche übervölkert. Begleitet vom Deutschritterorden durften die Moselaner in ihrer neuen Heimat Höfe anlegen, jedoch keine Befestigungsbauten. Die Deutschritter hielten sich nicht an diese Maßgabe und mußten nach Polen abziehen, die Neusiedler blieben. Je-doch ergänzten sie ihre Straßendörfer durch massive Wehrkirchen oder trutzige Kirchenburgen. Bei seinem Vortrag im November 2017 zeigte Erwin Köber zahlreiche Luftbilder solcher Dörfer, Kirchen und Burgen. Die Höfe konnten zur Straße hin abgeschlossen werden, doch bei einer Bedrohung zogen sich alle Bewohner in Kirche oder Kirchenburg zurück, wo auch die Speckvorräte gelagert wurden. Durch Schießscharten war in den Wehrbauten für gute Belüftung gesorgt, und so war diese militärische Vorrichtung in einer Kirche doch für einen zivilen Zweck gut, nämlich die Lagerung von Vorräten.
Lesetipp: Schweizer im Odenwald von Werner Heil, Otzberg 2017, ISBN 978 3 9 462 9540 2
2025: Was bedeutet Heimat für mich?
Inzwischen hat sich einiges getan: die Welt hat sich sehr stark verändert. Zahlreiche Länder werden von Populisten regiert, manche von antidemokratischen Idioten. In ihren Händen liegt die Gewalt über die Welt. In Deutschland wurde rechtes Gedankentum wieder gesellschaftsfähig, die AfD erhielte heute (26. August 2025) 25-26% der Stimmen, wenn Wahl wäre. Nicht zuletzt aufgrund Merkels "Wir schaffen das" konnte die AfD so stark werden, denn wer es sich einfach machen will, der verschließt die Augen gerne vor folgenden Tatsachen:
- Arbeitskräftemangel
- Altersüberhang
- Kriminalitätsrate
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Die heilige Barbara: die "Fremde"
Das Fest der heiligen Barbara wird am 4. Dezember gefeiert, dann schneidet man die Barbarazweige (von einem Obstbaum oder einem Blütenstrauch) und stellt sie in das warme Zimmer in Wasser. Zum Weihnachtsfest erscheinen dann die Blüten - mitten im Winter! Dies tut man, weil der Legende nach Barbara - eine Frau aus Nicomedia (Izmit) oder Heliopolis (Baalbek), die im 3. Jahrhundert nach Christus beharrlich an ihrem christlichen Glauben festhielt und zur Märtyrerin wurde - diese Barbara blieb auf dem Weg ins Gefängnis mit ihrem Gewand an einem Zweig hängen. Sie stellte den abgebrochenen Zweig in ein Gefäß mit Wasser, und er blühte genau an dem Tag, an dem sie zum Tode verurteilt wurde. Man kann auch statt eines Zweiges Weizenkörner in einem Teller mit Wasser aussäen. Diese keimt dann bis Weihnachten und heißt auch Adonisgärtlein.
Barbara heißt übrigens „die Fremde". Die Legende besagt, daß sie von ihrem Vater enthauptet wurde.
Sie ist die Schutzpatronin der Berg- und Hüttenleute, der Geologen, der Glöckner und Glockengießer, der Schmiede, Maurer, Steinmetze, Zimmerleute, Dachdecker, Elektriker, Architekten, der Artilleristen und Kampfmittelbeseitiger, der Feuerwehrleute und des Technischen Hilfswerks.
Siebzehnjährig
Wir sind jung
die Welt ist offen(lesebuchlied) Horizont aus Schlagbäumen Verboten
der grenzübertritt am bildschirm ein bild
von der welt sich zu machen es lebe
das weltbild Bis ans ende der jugend Und dann? Dieses Gedicht schrieb Reiner Kunze 1972, 17 Jahre bevor sich der Horizont aus Schlagbäumen öffnete. Kunze war DDR-Dissident.
Die Grenzen der DDR fielen am 9. November 1989. Heute haben vielleicht viele ehemalige DDR-Bürger vergessen, daß ihr wichtigstes Gut bei diesem Anlaß die FREIHEIT war und nicht der Wohlstand...
Ein Wortfeld: gehen auf Veranlassung
Im Deutschunterricht hat mir das immer großen Spaß gemacht: verwandte Wörter finden, so viele nur möglich! Als ich in der 11. Klasse war, 1975 also, suchte ich mir dafür das Wortfeld "gehen auf Veranlassung" aus. Das Thema beschäftigte mich schon damals stark. Hier ein paar Begriffe, die dazugehören:
Bevölkerungsverschiebung ist der wertneutrale Begriff. Dann gibt es legale und illegale Vorgänge, freiwillige und erzwungene, individuelle und in Gruppen, mit kurzfristiger, längerer, periodischer und permanenter Dauer.
ins Exil gehen emigrieren Asyl suchen ausbrechen desertieren ausreißen Flucht auswandern wegziehen umziehen fliehen deportieren verschleppen vertreiben umsiedeln einmarschieren infiltrieren unterwandern überführen Heimatvertriebene Tansfer Repatrianten Umsiedler Redemigranten Neubürger Ausweisen individuelle Ausreise Bevölkerungsverschiebung Zwangsumsiedlung Neusiedler Evakuierung Übersiedeln Exodus Auszug Entführung Kidnapping Wegführung "Arbeitseinsatz" Exilation displaced persons Verfolgung Verbannung Verschickung Versetzung Umsetzung Abwanderung Ausbürgerung Immigration Heimkehr Repatriierung Einwanderung Familienzusammenführung Ankommen? Ankommen!
Am 19. November 2016 veranstaltete der Odenwälder Kleinkunstverein DoGuggschde e.V. ein Benefizkonzert mit acht Bands zugunsten der Geflüchteten im Lautertal und des Netzwerk Vielfalt Lautertal, das aus ca. 30 ehrenamtlichen Helfern besteht.
Ein arabisches Nein und ein deutsches Nein: Stimmungsbilder aus dem Netzwerk Vielfalt Lautertal
In der arabischen Kultur sagt man erst einmal 2-3mal nein, wenn man etwas angeboten bekommt. Der Gastgeber muß so lange anbieten und aufdrängen, bis man dann doch ja sagt. Bei uns ist ein Nein ein Nein,
das mußten unsere Gäste erst lernen und wir haben am Anfang sehr gelacht.
Jetzt fragen wir immer: ist das ein arabisches oder ein deutsches Nein?
Gastkultur: man wird von den Syrern immer eingeladen um etwas zu trinken, man kann nie lang genug da sein. Nur eine halbe stunde vorbeischauen ist zu kurz. Gastfreundschaft: bin noch nie hungrig aufgestanden, zigmal zum Essen und sogar zu religiösen Veranstaltungen und in die Moschee eingeladen worden. Meine erste Melone habe ich mit 15 Jahren in einer kurdischen Familie mit 12 Kindern probiert. Jede deutsche Familie hätte wohl bei so vielen Kindern Angst gehabt, daß es nicht reicht oder lieber selbst die Melone gegessen. Schuhe ausziehen: was mich in der Moschee am meisten gestört hat ist weniger die Trennung Männer und Frauen, sondern Schuhe ausziehen. Das fand ich persönlich unfreundlich, obwohl es so sicher nicht gemeint ist. Familienorientierung: Familie ist in muslimischen Familien sehr wichtig. Man tut alles für die Familie, hilft sich untereinander, guckt, daß es jedem gut geht, keiner allein ist, keiner ohne Job ist oder Beschäftigung, ansonsten wird die Familie für einen tätig, gibt einem Arbeit, Pöstchen. Die Kehrseite: Korruption. Korruption fängt im Kleinen an, komm Du machst das für mich, dann mach ich das für Dich. Sicherlich empfinden das nicht alle so, aber manche Muslime, denen ich begegnet bin, konnten die Vorteile und Nachteile von Familienorientierung sehr klar benennen. Deutsche/Protestantische Werte: Arbeit vor allem Erwerbsarbeit hat in meiner Familie einen hohen Stellenwert. Damit einhergehend die gesamten klassischen Arbeitstugenden, hört sich wahrscheinlich für andere Nationalitäten auch wahnsinnig blöd an, aber ich glaube wirklich, daß wir Deutsche aufgrund unserer Pünktlichkeit, Verläßlichkeit, Genauigkeit, Ausdauer geschätzt werden. Ich beurteile den Wert Pünktlichkeit als unwichtig, bin aber automatisch pünktlich, sehe das als ganz normal an. Freiheit: Seit der Aufklärung und ich glaube, das ist auch in den Protestantismus eingegangen, steht das ICH, das eigene Gewissen im Vordergrund. Damit grenze ich mich auch ganz klar von vielen Katholiken ab, denen ich begegnen durfte und die ich als Freunde bezeichne. Nicht der Priester ist ein Mittler, es ist das eigene ICH, dem ich verantwortlich bin. Handle stets so, dass Deine Maxime das Handeln anderer bestimmen kann! Kants kategorischen Imperativ sehe ich als ganz wichtig an. Damit einhergeht eine ganz große supertolle Freiheit: Ich kann hier in diesem Land machen, was ich will. Solang ich keinen umbringe oder jemandem bewußt ein Bein stelle, kann ich wirklich sagen und machen, was ich will. In Pakistan wird man dafür gehenkt und nicht nur dort!
Diese Freiheit schätzen ganz viele Menschen mit ausländischen Wurzeln, für uns Deutsche ist sie leider so selbstverständlich, daß wir gar nicht merken, daß wir Frau Merkel kritisieren dürfen, ohne daß wir Angst haben müssen.
Werte: für mich der Hauptgrund dafür, daß wir so gut mit unseren Gästen auskommen, sind die Werte. Sie haben Werte - wir haben Werte, alle orientieren sich daran und leben danach, auch wenn die Werte unterschiedlich sind; unterschiedlich sind Werte ja sogar unter uns Deutschen. Aber es schafft ein Gefühl der Verläßlichkeit. Wichtiger Grund für Distanz: selbst hier in Deutschland sollen muslimische Frauen in der Öffentlichkeit verhüllt auftreten; man sucht sich auch nicht selbst eine Lebensgefährtin sondern läßt einen Verwandten (sofern der Vater nicht greifbar ist) auf Brautwerbung gehen, bevor man die Frau überhaupt kennenlernt. Die Männer möchten in Deutschland leben und sich integrieren, sagen aber gleichzeitig, daß ihre zukünftige Frau ein Kopftuch tragen wird. Das alles ist für mich schwer zu akzeptieren, vor allem nachdem wir Frauen in den letzten 50 Jahren um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung gekämpft haben und noch immer kämpfen.
Gemeinschaft: in Afrika sagt man "um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf". Es braucht nicht nur die Eltern, auch die Gemeinschaft. Ich finde, daß bei uns die Taufe mit der Aufnahme in die Gemeinde den gleichen Gedanken beinhaltet. Die Gemeinde und damit alle sind verantwortlich für die Erziehung. Die Gemeinschaft trägt uns im Leben, sei es die Freiwillige Feuerwehr, die Schule ohne Schulgeld, die Krankenkasse, Rentenkasse, usw. Jeder gibt was und jeder bekommt etwas. Das ist überall auf der Welt gleich. Das ist ein Wert, den wir alle haben. Sowohl die Erwartungshaltung, daß wir etwas bekommen, wenn wir in Not sind, als auch, daß wir etwas geben. Beiträge von M. Welker, S. Meister, M. Schnee, T. Schmidt, M. Hiller
Wie sich die Zeiten gleichen - oder nicht ...
Zitat bzg. Juni 1943: "Fast täglich mußte sie (Françoise Frenkel) sich um Passierscheine und Registrierungen bemühen, um Aufenthaltsgenehmigungen oder eine neue Wohnung. Wenn etwas kafkaesk genannt werden darf, dann sind es die Kämpfe mit französischen Bürokraten, die Françoise Frenkel auszutragen hatte. Unvollständige Informationen, Vorschriften, die sich ständig änderten, Gerüchte und Halbwahrheiten sorgten bei Frenkel und ihren Leidensgenossen für ein tagtägliches Wechselbad aus Ängsten, Hoffnungen und Enttäuschungen."
aus: Buchbesprechung Spiegel Literaturbeilage "eine unbekannte Heldin", Martin Doerry, über Françoise Frenkels Buch "Nichts, um sein Haupt zu betten" (Hanser)
Facebook-Post am 3. Oktober 2016: "Thank you O sea, cos you accepted us without a visa or a passport"
Vertreibungen zwischen 1944 und 1950: aus Ostpreußen 2,4 Mio Menschen, von östlich Posen 1,3 Mio., aus Schlesien 6,9 Mio Menschen. Insgesamt wurden 10,6 Mio Menschen (Reichs- und Volksdeutsche) in sechs Jahren vertrieben und mußten in Deutschland aufgenommen werden, in einer Zeit, als in Deutschland alles ausgebombt war und niemand etwas hatte.
Noch ein paar Begriffe zum Wortfeld:
Repatrianten: 1944-1950 von Rußland nach Deutschland
Umsiedler: 1944-1950 von Altpolen nach Westpolen
Redemigranten: 1944-1950 aus dem Ausland nach Polen
Vertreibung bzw. Transfer: 1944-1950 von Westpolen nach Deutschland
Neubürger und Neusiedler = DDR-Sprachgebrauch für Vertriebene.
Out of Rosenheim
Im August 2015 machten wir Urlaub in Österreich, in der Nähe von Zell am See. Dort kam ich erstmals mit arabischer Schrift in Berührung, denn in Zell am See machen seit einigen Jahren viele wohlhabende arabische Gäste Urlaub. Und so gibt es dort arabische Restaurants und viele Geschäfte haben ihre Werbefelder in deutsch, englisch und arabisch beschriftet. Die Schrift fand ich schon immer wunderschön, doch konnte sie ihren Inhalt sehr gut vor mir verbergen. Obwohl wir damals im Urlaub in den Medien davon hörten, daß sich Tausende aus den Krisengebieten in Syrien und Irak auf den Weg gemacht hatten und täglich mitverfolgen konnten, wie die Flüchtenden zuerst die Türkei passierten, dann auf mühevollen gefährlichen Wegen einen Grenzzaun nach dem anderen erreichten und passierten, brachte ich das mit den arabischen Urlaubern in Zell am See nicht in bezug. Vielmehr ärgerte ich mich jedesmal, wenn ich verschleierte Frauen sah - sie haben so schöne Augen, sehen so gepflegt aus, und doch dürfen sie nichts von sich zeigen. Wenn sie von Gott - wer auch immer das ist - geschaffen wurden, so werden sie sich doch auch zeigen dürfen? In meinen Augen stellten sich die Männer über Gott und verboten es den Frauen. Inzwischen weiß ich es besser, aber vor einem Jahr hatte ich noch "Kopftuchallergie". Dann kam der Tag, als der Hauptbahnhof in Wien geschlossen wurde, weil sich vor lauter Flüchtender nichts mehr vor und zurück bewegte. Wir sahen die Bilder im Fernsehen, wie Bahnsteige von müden erschöpften Menschen "bewohnt" wurden und sich an Zugtüren dramatische Situationen ergaben. Das war zwei Tage, bevor wir zurück nach Hause fuhren. Zwischen Niederndorf und Oberaudorf überquerten wir die österreichisch-deutsche Grenze, und sofort merkte man, daß etwas anders war. Hundertschaften an Polizei, Kolonnen von Polizeifahrzeugen, Kreuzungen waren von Blaulichtautos belagert, sie kamen aus Rosenheim und fuhren zur Grenze, uns entgegen. Das war unheimlich. Es kamen doch Menschen, die alles verloren hatten, die froh waren nur am Leben zu sein. Und sie wurden empfangen von Heerscharen an Polizisten! Sofort kamen mir Bilder in den Sinn von der deutsch-deutschen Grenze, als vor dem Mauerfall permanente argwöhnische Beobachtung geübt wurde, und beim ersten Trabbi Jubel ausbrach. Wer würde hier und jetzt jubeln? Dieses Jahr waren wir wieder in Zell am See. Inzwischen weiß ich wie das arabische Wort für Restaurant aussieht und heißt. Es brauchte vier Durchfahrten an den Restaurantschildern, bis ich die arabischen Schriftzeichen soweit entziffert hatte, daß sich ein Wort herausbildete. Denn ich hatte in diesem Urlaub mein Langenscheid Handwörterbuch arabisch-deutsch dabei. Seit Januar 2016 habe ich viele neue Freunde gefunden, sie leben in einer Sammelunterkunft am Rand unseres Dorfes, dort wo sie niemanden stören. Ich gehe oft dorthin, habe mit ihnen Deutsch gelernt und ihnen versprochen, daß ich Arabisch lernen werde.
Aber der Hans, der kanns...
Während kürzlich in Salzburg ein offizieller Gästeführer der Stadt unserer Reisegruppe erklärte, daß
"die ja in Massen ankommen, dann zehn Jahre hier herumhängen, ohne Englisch oder gar Deutsch zu lernen, und danach dann gleich in Rente gehen ohne jemals etwas für unsere Sozialleistungen getan zu haben"
dachte ich so bei mir:
"lieber Hans - so hieß der nette Herr - meine arabischen Freunde haben in einem Jahr mehr Deutsch gelernt, als du in deinen ganzen 40 oder 50 Jahren!"
Denn Hans gab sich keine Mühe, ein für Transalpine verständliches Deutsch zu sprechen. Wohingegen ich mit meinen Freunden schon über komplexe Sachverhalte sprechen kann, und ich verstehe das was sie mir sagen.
Sie sprechen deutsch, nach nur einem Jahr, mein lieber Hans.
Flüchtlingskrise - Flüchtlingsansturm - es geht auch anders!
Riace ist eine italienische Gemeinde mit 2238 Einwohnern, ein hübsches fast autofreies mittelalterliches Städtchen in Kalabrien.Wie viele Orte der Region litt Riace unter starker Abwanderung und hoher Arbeitslosigkeit. Bis 1998 ging die Einwohnerzahl von 3000 auf 800 zurück. Seit 1998 ein Boot mit 218 kurdischen Flüchtlingen in Riace landete, hat es sich der von Domenico Lucano, seit 2004 Bürgermeister von Riace, mitbegründete Verein Città Futura (‚Stadt der Zukunft‘) zur Aufgabe gemacht, Flüchtlinge in Riace anzusiedeln, um diesen eine Perspektive zu bieten und das Dorf wiederzubeleben. 2012 lebten etwa 500 Immigranten in Riace, heute 800, aus Tunesien, dem Senegal, Eritrea und Syrien. Im Gegenzug für Wohnungen und 250 Euro pro Monat bearbeiteten sie die verlassenen Olivenhaine und Weinberge. Die Finanzierung gewährleistete Rom, das für jeden Flüchtling pro Tag 35 Euro zahlt. In Riace feiert man im September das Fest von Cosmas und Damian, zwei syrischen Ärzten, die im 3. Jh n.Chr. durch die bekannte Welt wanderten und der Legende nach Kranke unentgeltlich behandelten. Ihnen ist auch die Kirche in Modautal-Neunkirchen geweiht, da Cosmas und Damian mit ihrer Heilkunst viele zum Christentum bekehrten. Nach Cosmas benennt sich übrigens die heutige Kosmetik - siehe auch hier.
Hier sind einige interessante Berichte über Riace
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-11/italien-dorf-riace-fluechtlinge-zuhause https://vimeo.com/34677625
Der Tag der verlorenen Kinder
Am zweiten Dezembersonntag zünden überall auf der Welt Menschen ein Licht für Stillgeborene und frühverstorbene Kinder an. Um 19 Uhr werden zahllose Kerzen die Fenster erhellen, um den Seelen der Kinder den Weg durch das Dunkel zu weisen. Es sind die Sternenkinder.
Auch ein Sternenkind: Aylan Kurdi aus Syrien.
Er wurde nur drei Jahr alt.
Er ertrank vor der türkischen Küste.
4000 Euro hatten die Schleuser von seiner Familie kassiert, sie überlebten natürlich.
Wir können kaum etwas dagegen tun, daß es immer wieder stillgeborene oder zu früh sterbende Kinder gibt. Aber können wir wirklich nichts dagegen tun, daß Kinder sterben, die ein Leben gehabt hätten? Kinder, die nichts anderes wollten als mit ihren Familien in Frieden zu leben? Wir können wenigstens dafür sorgen, daß Länder von Menschen regiert werden, die Frieden als höchstes Gut betrachten. Wir wählen unsere Regierungen, fast überall auf der Welt - das nennt man Freiheit!
Gemeinsam feiern, gemeinsam lernen, gemeinsam essen
Gestern hatten wir ein ernstes Thema, heute kommt ein Heiteres! Im November 2016 waren unsere Geflüchteten genau ein Jahr in unserem Dorf und wir feierten gemeinsam mit ihnen ein Super-Fest: acht Gruppen (Folk, Rock, Punk und ein Zauberer) traten beim Benefizkonzert im wunderschönen Saal der Traube ohne Honorar auf, die Licht- und Tontechnik wurde konstenlos gestellt. Fadi und Alaa, (zwei syrische Geflüchtete) zauberten ein arabisches Buffet für 80 ehrenamtliche Helfer, einige der Geflüchteten sorgten für die Bühnenbeleuchtung, für die Garderobe der Gäste, für den Thekendienst, hängten Plakate auf, räumten auf und sorgten dafür, daß alles rund lief. Auch Tanzeinlagen aus ihrer Heimat zeigten die Jungs, und endlich konnten sie einmal für kurze Zeit ihre Sorgen um die Familien, die noch im Krieg leben müssen, vergessen und einfach fröhlich sein. Es gab an diesem Abend viele Spenden, von denen jetzt diejenigen Geflüchteten ihre Busfahrkarten zur Hälfte ersetzt bekommen, die im Sommer und auch jetzt noch aus eigenem Antrieb einen VHS-Deutschkurs besuchen und dafür ihre Busfahrkarten selbst bezahlen müssen. Außerdem haben jetzt alle in der Lauterner Unterkunft ein arabisch-deutsches bzw. kurdisch-arabisch-deutsches Wörterbuch bekommen.
Ein schöner Bildbericht ist beim Verschönerungsverein Reichenbach zu finden (Seite 5)! Das nächste Projekt nach dem Konzert, das der Odenwälder Kleinkunstverein DoGuggschde für das Netzwerk Vielfalt Lautertal organisiert hatte, ist das Thema gesunde Ernährung. Gutes Olivenöl und Mandeln aus einer spanischen Slow-Food-Finca, Bio-Tee aus der Teekampagne, Honig vom Lautertaler Imker sollen sie bekommen, um über ihre Ernährung die permanente Streßsituation (Flucht, Sammelunterkunft in einem fremden Land, Angst um die Zurückgebliebenen, die täglich mit Bombenangriffen rechnen müssen) besser in den Griff zu bekommen. Viel zu viel Zucker, zu viel Weißmehl, zu viele Billignahrungsmittel schaden ihrer Konstitution zusätzlich. Damit sie sich die guten Lebensmittel leisten können, werden weiter Spenden gesammelt: Spendenkonto per Mailanfrage an den Odenwälder Kleinkunstverein DoGuggschde! Direkt nach den Feiertagen treffen sich deutsche und arabische Freunde im Lautertal zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier - jeder bringt eine Schüssel Essen mit, traditionelle Odenwälder Spezialitäten werden da ebenso auf dem Buffet stehen wie Gerichte aus der syrischen oder irakischen Heimat der Jungs.
Geburtstag feiern: eine sehr persönliche Sache - oder?
Nein - ein jeder von ihnen hatte sein eigenes Geburtsdatum. Doch das ging auf der Flucht verloren - wie so vieles andere. Die Sache ist auf einen bürokratischen Prozess zurückzuführen:
wenn ein Asylsuchender keine Pass- oder sonstigen Identitätspapiere vorweisen kann, wurde bei der Erstaufnahme der 1.1. und sein Geburtsjahr eingetragen, wie ein Sprecher des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bestätigte. Asylbewerber haben oft keine Ausweise aus ihren Herkunftsländern mehr, sie haben sie zum Beispiel verloren oder weggeworfen.
Bei der Asylantragstellung fragen Dolmetscher in den Aufnahmeeinrichtungen nach dem Geburtsdatum.
Und so werden am Neujahrstag sehr viele der über 1 Millionen Flüchtlinge sehr traurig an ihren wirklichen Geburtstag denken und an fröhliche Feiern in ihrem Heimatland, mit ihrer Familie - in einer anderen Welt.
Die Sterne an unserem Himmel: wir können sie vermehren!
Heute bekam ich einen so netten Weihnachtsgruß, daß ich ihn in das Türchen des 14. Dezember setzen mußte. Er kam von Marion Kostial, unserer unermüdlichen immer freundlichen Netzwerkerin der Caritas Bergstraße.
»Liebe ehrenamtliche und hauptamtliche Unterstützerinnen und Unterstützer unserer Flüchtlinge an der Bergstraße, als ich in diesem Jahr des nachts - nach Besuchen in Ihren Asylkreisen, nach gemeinsamen Veranstaltungen - durch unsere schöne Bergstraße gefahren bin, ist mir besonders die Vielzahl der leuchtenden Sterne am Bergsträßer Firmament aufgefallen, die meinen Weg nach Hause begleiteten. In diesem Jahr erschienen sie mir in ihrer Anzahl und ihrer Leuchtkraft viel intensiver als das Jahr zuvor. .... Was natürlich auch meiner Wahrnehmung zu später Stunde und inmitten der Nacht geschuldet sein kann, das möchte ich gar nicht bezweifeln. Gestern Abend, bei unserer vorweihnachtlichen Feier des Caritasverbandes, erhielt ich jedoch in Form einer kleinen Geschichte über den "Stern von Bethlehem" eine logische Erklärung für meine Beobachtungen, die ich nun mit Ihnen teilen möchte. Eine alte Legende erzählt:
Als die Weisen aus dem Morgenland Bethlehem wieder verließen, blickten sie von einer Anhöhe nochmals auf die Stadt zurück. Da sahen sie ein wunderbares Schauspiel: Der Stern, der sie zur Krippe geführt hatte, zersprang in tausend und abertausend kleine Sterne, die sich über die ganze Erde verteilten. Doch die Weisen wussten nicht, was das zu bedeuten hatte. Auf ihrem weiteren Weg kamen sie an eine Kreuzung. Sie fragten einen Fremden nach dem rechten Weg. Der gab ihnen freundlich eine hilfreiche Auskunft. Und er gab den Weisen ein wenig Proviant mit für ihre weite Reise. Da sahen sie über dem Kopf des Fremden einen kleinen Stern leuchten! Stunden später stürzte einer der drei Weisen und verletzte sich am Bein. Eine Frau, die in der Nähe wohnte und gerade des Weges kam, eilte zu ihrem Haus zurück, holte Salbe und Verbandszeug und behandelte die blutende Wunde. Da sahen sie über dem Kopf der Frau einen kleinen Stern leuchten! Die Weisen konnten ihre Reise fortsetzen. Als es dunkel wurde, legten sie sich in der Nähe eines Bauernhofes auf die Erde, um zu schlafen. Da fing es heftig an zu regnen. Der Bauer kam nach draußen und bat die Weisen in sein Haus, bewirtete sie und gab ihnen einen trockenen Schlafplatz. Da sahen sie über dem Kopf des Bauern einen kleinen Stern leuchten! Jetzt begriffen die drei Weisen das Schauspiel, das sie auf der Anhöhe über Bethlehem gesehen hatten.
Liebe ehrenamtlich und hauptamtlich Tätige in der Flüchtlingshilfe, in der Arbeit mit Flüchtlingen, lassen Sie uns auch im kommenden Jahr gemeinsam und unbeirrt die Sterne am Bergsträßer Himmel zum leuchten bringen!!! In diesem Sinne und mit diesem kleinen Weihnachtsgruß möchte ich mich bei Ihnen für Ihre gute Mitarbeit, Ihr Engagement, Ihr Durchhaltevermögen und für die gute Zusammenarbeit bedanken und wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest, einen guten Start ins Neue Jahr sowie ein gesundes, fröhliches, lachend-glückliches und sternenreiches Jahr 2017.«
Diesem Wunsch kann ich mich nur anschließen! Es gibt zahllose Sterne am Himmel, und dank Marion Kostial wissen wir jetzt, wie wir sie zum Leuchten bringen.
Advent: Zeit der Wünsche! Das wünschen sich unsere Geflüchteten
Wir wünschen uns: Arbeit!
Zum Schnuppern, Hospitieren, als Praktikum, als Ausbildungsplatz, als Job. Wir haben in der Heimat keine Ausbildung wie in Deutschland, dort lernt man während der Arbeit. Wir sind Handwerker und Studenten. Wir sparen von unserer Sozialhilfe (300 Euro!) Geld, um es den Familien in der Heimat zu schicken.
Wir wünschen uns: Wohnung!
Nachts kommen die Bilder vom Krieg, und wir können nicht schlafen. Wir wohnen mit 50 Personen in einer Sammelunterkunft in winzigen Zimmern, seit fast einem Jahr wie auf einer Baustelle. Einige von uns haben im Lautertal oder Umgebung eine Wohnung gefunden, ihnen geht es von Tag zu Tag besser. Wir sind nette Mieter! Wir helfen gerne bei Renovierungsarbeiten oder im Garten.
Wir wünschen uns: Familienanschluß!
Das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Nehmt einen oder mehrere von uns in eure Familie auf, wir freuen uns und bedanken uns mit unserer Freundschaft und indem wir euch zu unseren Festen einladen! Schweinefleisch essen wir halt nicht, aber dafür trinken wir euch auch nicht die Bar leer.
Wir sind Menschen wie du und ich - probiert es aus!
Eure netten Jungs aus der Lauterner Unterkunft und die Familien mit Kindern aus Elmshausen...
Ihr dürft euch jederzeit melden unter 06254-9403010!
Die Zukunft ihres Landes sucht bei uns Herberge!
»Wir waren die Zukunft unseres Landes und jetzt ist jeder in einem anderen Land.
Früher trugen wir Schultaschen und heute tragen wir unsere Kleider in Koffer in andere Länder.
Wir weinten um unsere Geliebten aber jetzt weinen wir um die ganzen Toten in unserem Land.
Als wir klein und jung waren, wollten wir so schnell wie möglich älter und größer werden.
Aber jetzt merken wir, dass es nichts Schönes ist. Wir alle waren Geschwister und keiner konnte uns trennen und jetzt kämpft jeder gegen jeden.
Wir wussten es nicht zu schätzen was wir hatten, doch jetzt sehen wir unser altes Leben in Träumen.
Wir machten als Freunde gemeinsam Ausflüge aber nun verabschieden wir uns alle von einander.
Die Hälfte unseres Landes ist dort geblieben wo wir einst waren und die andere Hälfte unseres Landes ist jetzt fort. Sie fragen was mit unserem Land passiert ist und wie das alles geschehen konnte?
Unsere Heimat wird zerstört, aber niemand trägt eine Schuld an etwas.
Aber sei dir sicher das sind nicht deine Landsleute. Deine Landsleute trugen immer ein Lächeln im Gesicht.
Wir ließen dich alleine und sahen zu wie unsere Geschwister weinen und leiden mussten und konnten nichts dagegen unternehmen.
Sollen wir um unser Land weinen oder darüber dass wir es verlassen mussten?
Wann kehren wir zurück wie der Sohn zu seiner Mutter? Wir vermissen dich unser Heimatland.
Wir wünschen uns ein Leben ohne Schmerz und wünschten wir könnten unsere Träume auf ein leeres Blatt zeichnen und sie leben. Wir fühlen, dass unser Leben davon rennt und wir keine Zeit mehr haben.
Ein Leben zu führen ist für uns zurzeit wie ein Traum. Alles ist für uns so neu.
Die Kultur das Essen einfach alles. Wir leben in einer Welt wo es nur noch Hass, Lügen und Betrüger gibt.
Alle betrügen sich gegenseitig!
Wir werden nur noch von allen ausgelacht aber das interessiert uns nicht.
Wir hoffen in Zukunft ein besseres Leben zu führen.«
Dies schrieb im August 2016 Alaa Amayri, geflüchtet aus Damaskus im Herbst 2015. Alaa ist 21 Jahre alt, von Beruf Koch.
Eine Stadt ohne Obdachlose - es geht, wenn man will!
Die kanadische Kleinstadt Medicine Hat hat es innerhalb von nur sechs Jahren geschafft, die Obdachlosigkeit abzuschaffen. Kein einziger Einwohner muß mehr auf der Straße leben.
In dieser Stadt im Bundesstaat Alberta leben insgesamt 60.000 Einwohner. 2009 geriet die kanadische Kleinstadt landesweit in die Schlagzeilen. Die Gründe: Kriminalität und eine überdurchschnittliche hohe Zahl an obdachlosen Menschen. Bürgermeister Ted Clugston zog die Konsequenzen und startete die "Housing First" Initiative.
Diese sieht es vor, jedem Menschen eine Wohnung zu stellen, sofern dieser seit mindestens 10 Tagen auf der Straße lebt. Anders als bei vielen ähnlichen Projekten, müssen die Obdachlosen keinerlei Auflagen erfüllen, um eine Wohnung zu bekommen. Verrückter Gedanke‚ haben sich die Kanadier gedacht und es dann einfach gemacht.
Ein Beispiel, dem wir folgen könnten. Im Rahmen der Housing First Initiative führte die kanadische Mental Health Commission eine Studie in fünf verschiedenen Städten durch. Dabei stellten sie fest, daß die meisten obdachlosen Menschen sich gar nicht erst um eine Wohnung bemühen, sofern diese für den Bezug Auflagen erhalten. Insbesondere auf der Straße lebenden Menschen, die jung und/oder drogenabhängig sind, gelingt es nur in den seltensten Fällen für eine Wohnung clean zu werden und so etwaige Auflagen zu erfüllen. So mußte bisher die Stadt die Krankenhausbesuche, Entzugskliniken und Notunterkünfte für diese Menschen stellen, was mit hohen Kosten verbunden war. Die Erfolge sprechen für sich. Heute gibt es in der Stadt nicht eine einzige obdachlose Person mehr.
Zudem hat die Initiative dabei geholfen den städtischen Haushalt zu entlasten. Erfahrungen zufolge kostet die Bereitstellung einer Wohnung der Stadt pro Jahr circa 20.000 Euro. Vor der Housing First Initiative beliefen sich die Kosten für die Unterstützung obdachloser Menschen pro Person auf rund 100.000 Euro pro Jahr. Für drogenabhängige Menschen ist es grundsätzlich sehr schwer, sich von der Sucht zu lösen. Doch leben sie auf der Straße, verstärkt sich diese Problematik. Der Bezug einer Wohnung unterstützt sie jedoch dabei ihr Leben zu ordnen, so daß es im Anschluß auch einfacher ist von den Drogen loszukommen. Housing First unterstützt also gleich in zweierlei Hinsicht. Inzwischen haben auch einige amerikanische Städte den Ansatz aufgegriffen und die Erfolge sprechen auch dort eine eindeutige Sprache. So zum Beispiel in Los Angeles. "Housing First" war zunächst von der Regierung unter Barack Obama ins Leben gerufen worden, um bis 2016 alle obdachlosen Armee-Veteranen von der Straße zu holen. Auch in Deutschland wird das Modell inzwischen immer öfter diskutiert. Die Wirksamkeit, die bisherige Studien belegen, wird auch in Deutschland nicht in Frage gestellt. Dem gegenüber steht jedoch die katastrophale Situation auf dem Wohnungsmarkt, die es in den Ballungszentren, aber mittlerweile auch in den ländlichen Regionen, fast unmöglich macht, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Einem Bericht zufolge werden so zum Beispiel in Hamburg bis ins Jahr 2030 ca. 90.000 Wohnungen fehlen.
Fakt ist jedoch auch, dass bereits 2014 über 2.300 Wohnungen leer standen.
http://www.horizonworld.de/so-schaffte-eine-kanadische-kleinstadt-obdachlosigkeit-ab/ mit vielen Quellenangaben
Die Tafel in Bensheim: 42 Tonnen Lebensmittel pro Woche für Bedürftige!
Als Dank für ehrenamtliches Engagement haben die Sparkasse Bensheim und das BA den Bergsträsser Bürgerpreis entwickelt. 2016 wurden drei Initiativen bzw. Personen aus drei Bereichen von der Jury ausgewählt, darunter Mariette Rettig aus Elmshausen für ihre Organisation, die Bensheimer Tafel.
Seit 11 Jahren gibt es die Tafel in der Rheinstraße 4 in Bensheim schon, zu Beginn kamen neun Rentner, um sich hier für 1 Euro gespendete Lebensmittel zu holen. Inzwischen kommen zu jedem Termin 200 Menschen: Rentner, alleinerziehende und im Niedriglohnbereich arbeitende Personen, Hartz-4 Empfänger, Obdachlose, die Bewohnerinnen des Frauenhauses und Asylbewerber. Sie müssen zunächst einen Berechtigungsschein vorlegen und dürfen dann nach einem ausgeklügelten Rotationssystem zu festen Abholzeiten ihre Lebensmittel abholen. Der Einkauf geht sehr ruhig und geordnet vor sich, ohne Gedränge. Die Helfer hinter der Theke geben je nach Berechtigungskarte die entsprechenden Mengen aus. Die Bensheimer Tafel hat 200 ehrenamtliche Helfer, die bei Märkten, bäckereien, Metzgereien, Gemüseläden und Tankstellen Lebensmittel abholen, die knapp über das Verfallsdatum hinaus sind, aber noch unbedenklich genießbar. In fünf Gruppen, die jeweils eine Woche lang arbeitet, werden so wöchentlich 42 Tonnen Lebensmittel geschleppt, es fällt viel Biomüll an und soviel DSD-Abfälle, daß wöchentlich eine Fuhre gelbe Säcke nach Heppenheim gebracht werden muß. All das geschieht im Hintergrund. Die Tafel hat einen großen Raum mit Lagermöglichkeiten für Dauerlebensmittel oder als Puffer zwischen den Öffnungszeiten, außerdem zwei Kühlhäuser. Von dem Geld aus dem Bergsträsser Bürgerpreis werden nun weitere Lagerregale angeschafft. Der Einzugsbereich der Bensheimer Tafel - sowohl für Lieferanten als auch für Kunden - ist groß: täglich bzw. 1-2x wöchentlich müssen die Mitarbeiter ihre Lieferbetriebe in Bensheim, Heppenheim, Lorsch, Zwingenberg, Einhausen, Alsbach-Hähnlein, Lautertal und Lindenfels anfahren. Mit neuen Lieferanten wird zunächst ein Probemonat vereinbart, um zu sehen ob alles klappt. Neue ehrenamtliche Helfer: wie Mariette Rettig schmunzelnd mitteilt, habe man zwar genügend Helfer, würde aber niemals jemanden, der sich anbietet, wegschicken. Der älteste Helfer ist 87 Jahre alt, die jüngsten sind Schüler und Studenten. Sie alle haben ein starkes Gruppenzugehörigkeitsgefühl und setzen sich ein, um die schwere Kistenschlepperei und den lauten und lebhaften Verkauf vier Tage die Woche zu bewältigen. Infos: bei Mariette Rettig, Telefon 06251-105719
Miteinander kochen: Rezepte aus der Heimat von Geflüchteten und Wegbegleitern
Gemeinsames Kochen verbindet Kulturen. Diese Erfahrung machte die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin und Trauerbegleiterin Nici Friederichsen (Hannover). Sie besuchte Geflüchtete quer durch Deutschland, kochte mit ihnen und mit ihren Un-terstützern, hörte ihnen zu und entdeckte neue Welten. Daraus wurde ein Projekt mit mehr als 50 Beteiligten, die alle unbeirrt den Weg der Integration gehen. Das Buch zeigt Rezepte aus Syrien und Afghanistan, aus Algerien und Montenegro, aber auch aus Stralsund und Göttingen. Dazu erzählt Nici Friederichsen die Geschichten der Geflüchteten und die ihrer deutschen Helfer und Freunde. Ein Mutmacher-Buch für die vielen Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe, das zur Nachahmung anregen will: gemeinsam einkaufen, kochen und essen. Autorin, Verlag und alle Mitwirkenden verzichten auf Honorar, so kann pro verkauftem Buch ein Euro gespendet werden. Der Erlös geht je zur Hälfte an den Bundesverband der Tafeln und an den Bundesverband Trauerbegleitung. Buchbranche, Vereine und Verbände unterstützen das Projekt. „Kochen bedeutet Heimat, besonders für die vielen Geflüchteten, die inzwischen bei uns leben. Das gemeinsame Erlebnis des Kochens und Essens ist ein wichtiger Beitrag zum Kennenlernen und zur Begleitung in den aktuellen Lebensthemen von Flüchtlingen,“ so Verleger Bernd Weidmann (Verlag Die Werkstatt Göttingen); erhältlich im Buchhandel unter ISBN 978-3-7307-0296-3, 4€ inkl. 1€ Spende.
Orientalische Küche in Deutschland
Ein Fladen fliegt durch unsere Küche, kunstvoll hochgeworfen von Alaa Amayri, von Beruf Koch. Dieser Link führt zu einer Face-bookseite die man auf keinen Fall hungrig besuchen darf: „Orientalische Küche in Deutschland“. Wer Appetit bekommt: es gibt ein Kochbuch mit Lautertaler deutsch-arabischen Rezepten: Nici Friederichsen aus Burgwedel unterhält auf www.miteinanderkochen.wordpress.com einen Kochblog und veröffentlichte im November 2016 ein Büchlein mit Rezepten aus ganz Deutschland, immer mit deutschen und geflüchteten Partnern.
Brennpunkt? Darf man nicht mehr sagen...
In Ludwigshafen gibt es ein „Wohngebiet mit besonderem Förderbedarf“ - denn Brennpunkt darf man aufgrund der political correctness nicht mehr sagen - die Bayreuther Straße. Dort wird niemand älter als 50 Jahre. 300 Menschen leben dort seit sechs Generationen, in einem als Übergangswohngebiet auf einem ehemaligen Handgranatenübungsplatz angelegten Viertel aus den 60er und 70er Jahren. Nun ergänzte die Stadt das Ghetto um 100 Geflüchtete. Es gibt keinen Bus, keinen Arzt, keine Infrastruktur, keine Begegnungsstätten, nur Müll. Sperrmüll, Abfall, Schimmel - ein Schutzwall aus Unrat. Die Stadt entsorgt ihn nur sehr sporadisch, verbirgt er doch was dahinter lebt. Die Zufahrtsstraße ist gesperrt, kein Auto kann hineinfahren. Die S-Bahn fährt unterirdisch vorbei. Niemand nimmt das Ghetto wahr: man sieht es nicht, man hört es nicht. Die Wohnungen sind verrottet und verschimmelt, die Bewohner wurden von allen aufgegeben. Die Stadt tut nichts gegen die Situation, sie unterbindet sogar Selbsthilfe. Die Hausmeister haben Polizeirecht. Hoffnung gibt hier das Projekt upcycling: aus Sperrmüll bauen die Bewohner Trend-Möbel, die über Peer 23 (Internetplattform http://peer23.org, Friesenheimer Insel) Marktzugang finden sollen. Straßensozialarbeiter Johannes Hucke (Ökumenische Fördergemeinschaft Ludwigshafen GmbH, www.foerdergemeinschaft.de) wünscht sich einen Werkstatt-Doppelcontainer, in dem die Bewohner arbeiten können. Er hat keine Sorge, daß Werkzeug geklaut wird: "die Bewohner passen auf ihre Materialien und Werkzeuge auf, es sind ja ihre".
Wie Integration funktioniert...
Aus meiner Studienzeit ist mir der Spruch vom "Marsch durch die Institutionen" in Erinnerung geblieben. Doch damals war dies ein ganz anderer Marsch als der, den wir Ehrenamtlichen heutzutage zu absolvieren haben. Ja: wir gehören zum Establishment und ja, die Institutionen vertreten uns als gute Staatsbürger. Doch kommt so ein einzelner Staatsbürger auf die Idee, auch nur eines der vielfältigen Formulare unserer demokratischen "Erfüllungsgehilfen" zu verstehen, so pfeift der Wind plötzlich aus einer anderen Ecke. Was Menschen verstehen sollen, die drei vier fünf Monate in Deutschland sind und gerade anfangen die Sprache zu lernen (viele haben über ein Jahr auf ihren Integrationskurs gewartet!), das verstehen nicht mal wir Helfer. Wutausbrüche seitens guter Deutscher häufen sich:
"Nur mal angenommen...
Sie leben in der Hälfte eines 12-Quadratmeterzimmers, Bad und Küche auf dem Gemeinschaftsflur. 45 andere Menschen leben ebenfalls hier - traumatisierte Menschen, die nachts nicht schlafen können. Es ist laut. Auf der stark befahrenen Bundesstraße donnert Tag und Nacht der Verkehr direkt vor der Haustür vorbei. Sie haben Arbeit, müssen morgens um 5 Uhr aufstehen, nach einer lauten unruhigen Nacht. Warmes Wasser gibt es erst um 6 Uhr. Sie können nachts auch nicht lüften, denn es gibt keine Insektengitter vor den Fenstern. Oder Ihr halbes Zimmer, für das Sie fast 200 Euro im Monat zahlen, liegt zur Straße hin. Sie haben keinen Mobilfunkempfang in Ihrem Haus, müssen sich entlang der Bundesstraße eine Stelle suchen, wo es Empfang gibt. Nur so können Sie Kontakt zu Ihrer Familie halten, die 3000 Kilometer weit weg in einem Kriegsgebiet wohnt und die man nicht zu Ihnen kommen läßt. Vor dem Eingang des Gebäudes steht ein großer Wassertank, alle Menschen die hier vorbeigehen, haben Bedenken. Wer lauert hinter dem Tank? Der Briefkasten ist ein großer Holzkasten, aus dem alle Bewohner ihre Post holen, wenn sie denn noch drin liegt. Werbebroschüren inklusive Verpackungsmaterial (Folie und Packbandstreifen) liegen vor dem Haus. Kein Müll, den einer der Bewohner dort hingeworfen hat - fast keiner. Apropos Müll: die Gemeinschaftsküche müßte mal wieder gründlich geputzt werden, der Müll rausgebracht werden. Sie haben das schon ein paarmal getan, mehrere Stunden lang geschrubbt. In der Nacht wurde alles wieder in den vorherigen Zustand versetzt. Aber niemand hat gesehen wer es war.
Wie würden Sie sich fühlen?
Mal ganz ehrlich: wären Sie nicht schon längst zum „Wutbürger“ geworden?"
So mußte ich mir in diesem Herbst einmal Luft machen...
Integration gelingt, wo deutsche Helfer sind
Das erste Foto von der ersten Bewohnerschaft, die im November 2015 in Lautern ankam, zeigt bis auf zwei Personen nur Geflüchtete, die inzwischen eine eigene Wohnung und Arbeit haben. Es sind dies genau jene, die im Dezember 2015 eine Einladung in deutsche Familien bekamen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen. Daraus entwickelten sich feste Freundschaften. Das waren die Zupackenden, die Aktiven. Ihnen konnte man nicht nur die Organisation der Flucht zutrauen, sie wußten auch wie sie am schnellsten in Deutschland Fuß fassen können: indem sie sich aktiv deutsche Freunde suchten. Aus den ersten ehrenamtlichen Unterrichtsstunden entwickelte sich dies. Die Unterkunft in Lautern wirkte gastlich, man fühlte sich dort wohl. Es gab immer einen Tee, wenn auch viel zu stark gesüßt. Von der ursprünglichen Bewohnerschaft leben jetzt noch immer die in der Unterkunft, denen es nicht so leicht fällt, auf Menschen zuzugehen oder deren psychische Belastbarkeit so schwach ist, daß sie in unserem normalen Arbeitsleben scheitern. Dazu kommen monatlich neue Bewohner aus Eritrea, dem Irak, nur noch wenige aus Syrien. Es bleibt spannend, man lernt wöchentlich neue Eindrücke aus den Herkunftsländern und aus dem Ankommen in Deutschland mit all seiner Bürokratie, mit "Pünktlichkeit" und "Zuverlässigkeit". Ich denke oft, wie würde es mir ergehen, wenn ich dorthin geflohen wäre! Würde ich innerhalb von drei Monaten die Sprache lernen, die Tipps und Tricks zum Leben nach dem Überleben? Würde ich einem fremden Menschen in einem fremden Land eine Vollmacht für meine Bank- und Behördenaktivitäten geben? In Deutschland wird das erwartet: vom Jobcenter erhalten Helfer keine Antwort ohne Vollmacht. Soweit auch in Ordnung. Aber sie erhalten nicht einmal eine Antwort, DASS sie ohne Vollmacht keine Antwort erhalten. Man wartet und wartet und wartet... Ob den JobCentern bewußt ist, wie unglaublich viel Arbeit wir Ehrenamtlichen ihnen abnehmen? Ob den "doitschen" Wutbürgern bewußt ist, wieviel engagierter sich Geflüchtete um eine Arbeit bemühen und welche Art von Arbeit sie gern und ohne Gemecker übernehmen? Aber nein, seit der Eigentümer der Lauterner Unterkunft eine riesige Kunststoffwanne für einen Garten-Swimmingpool vor der Unterkunft lagert (offenbar findet er das ganz normal, eine Unterkunft für die er Unsummen an monatlicher Miete erhält, als Materiallager zu nutzen), seitdem also dieser Roh-Swimmingpool dort vor der Türe lagert, heißt es in den "kleinen Krisenstäben" an Lautertaler Stammtischen: "jetzt kriegen die Asylanten auch noch ein Schwimmbad! Alles von unserm Geld!"
Schade, daß ich darüber wirklich nicht mehr lachen kann. Das ist weit über den Status der Realsatire hinaus. Integration funktioniert, wo es deutsche Partner gibt. Wieviel die Ehrenamtlichen leisten, hat der Ethnologe Werner Schiffauer und sein Team jetzt wissenschaftlich ausgewertet. Integration funktioniert, wo es einen energischen Willen des Einzelnen gibt. Als mich jemand angegriffen hat, ich könne ja auch mal für einen Obdachlosen Möbel oder Arbeit suchen, antwortete ich, daß ich das jederzeit gerne tue. Derjenige muß mir nur SAGEN, daß er sich das wünscht. Was soll ich sagen: es kam nichtmal eine Antwort, außer "ich hab ja nur gemeint". So einfach ist es halt eben nicht. Marieta Hiller, Oktober 2017
Fragen zur Integration von Geflüchteten kurz erklärt
Auf der Internetseite https://mediendienst-integration.de findet man zu allen Fragen bzgl. Status, Arbeitserlaubnis etc. für Geflüchtete kurze und informative Antworten.
Ein Forscherteam um den Ethnologen Werner Schiffauer hat wegweisende Flüchtlingsprojekte in ganz Deutschland untersucht. Die Ergebnisse wurden nun in einem Buch veröffentlicht. In einem Gast-beitrag für den MEDIENDIENST bilanziert Schiffauer: Die Projekte vor Ort hätten auf Eigeninitiative viele kreative Lösungen gefunden, um die Geflüchteten zu unterstützen und die offene Gesellschaft zu stärken. Das werde jedoch zu wenig anerkannt. In der Auseinandersetzung mit Flucht hat sich die deutsche Zivilgesellschaft neu aufgestellt. Zwischen 2015 und 2016 sind rund 15.000 Projekte entstanden, in denen kreative Antworten auf die vielfältigen Herausforderungen der Zuwanderung gefunden wurden.
- Über die Bindung an den Ort bildet sich eine neue Verantwortungskultur und diese wiederum stärkt die Bindung an den Ort. Viele Initiativen sind mit dem Wunsch gestartet, es nicht zu Zuständen kommen zu lassen, die mit ihrem Ideal der Stadtgesellschaft unvereinbar waren: Sei es, dass die Situation der Geflüchteten vor Ort als unerträglich empfunden wurde; sei es, weil sie den Versuchen von Mobilisierungen von Rechts entgegentreten wollten.
- Vielerorts wird das Bemühen deutlich, neue Gemeinschaften zu bilden und Situationen herzustellen, von denen Neubürger wie Alteingesessene gleichermaßen profitieren. Damit wird mit dem Denkmuster gebrochen, dass alles, was Flüchtlingen zu Gute kommt, auf Kosten der Alteingesessenen erfolgt.
- Auffallend ist eine Lust an Innovation und Experimentieren: Neues und Anderes wird ausprobiert und Festgefahrenes aufgebrochen. Dies reicht von der Suche nach neuen Wegen, Ausbildung und Studium zu organisieren über Internetseiten, die städtische Projekte vorstellen und vernetzen bis hin zu neuen Angeboten für psychosoziale Beratung.
- Es entstehen neue politische Allianzen, quer zum klassischen Rechts-Links-Schema, an denen Aktivisten und Unternehmer, Konservative und Liberale, Muslime und Christen gleichermaßen beteiligt sind.
- Der aus dem konkreten Engagement erwachsende persönliche und direkte Kontakt mit Geflüchteten trägt auch politische Früchte. Durch ihn wird der in der Politik vorherrschende kategorisierende und verallgemeinernde Diskurs aufgebrochen. Er führt unter anderem dazu, dass den staatlichen Versuchen, Geflüchtete nach guten oder schlechten Bleibechancen zu sortieren, Widerstand entgegengebracht wird.
- Auffallend ist ein verbreitetes Bewusstsein über karitative Fallstricke, die immer auch bedeuten, dass zwischen den "Helfern" und denjenigen, denen geholfen wird, neue Hierarchien und Abhängigkeiten entstehen können. Daraus erwachsen neue Formen des Umgangs mit Andersheit und Unterschiedlichkeit.
- Es gibt deutliche Hinweise, dass sich über diese Bürgerbewegung neue "glokale" Identitäten verbreiten, die sowohl lokale als auch globale Elemente miteinander verbinden, wie sie in den Einwanderervierteln schon seit längerem existieren. Diese Identitäten haben ihren Bezugspunkt nicht mehr in der Homogenität einer alteingesessenen Bürgerschaft, sondern in dem lokalen Bezug zur Welt. Sie entdecken die "Buntheit" der örtlichen Kommune und sehen sie als konstitutiv für das Selbstverständnis. Ein wichtiges Element stellen nicht zuletzt die selbstorganisierten Projekte der Geflüchteten dar, in denen sie sich selbst repräsentieren und darüber eine Stimme und ein Gesicht erhalten. In ihnen werden neue inklusivere Formen von Teilhabe erprobt.
Werner Schiffauer / Anne Eilert / Marlene Rudloff (Hg.)
So schaffen wir das – eine Zivilgesellschaft im Aufbruch
90 wegweisende Projekte mit Geflüchteten, ISBN 978-3-8376-3829-5
Deutsche Ehrenamtliche brauchen Vernetzung, Workshops, Vorträge, Weiterbildung
Wer ist „wir"? Lautet die Frage eines Workshops, der im Herbst 2017 für Ehrenamtliche im Kreis Bergstraße angeboten wird. Im Einladungstext heißt es:
"Gesellschaftliche Heterogenität und Homogenitätsvorstellungen in Geschichte und Gegenwart sind Thema eines gemeinsamen Workshop-Angebotes des International Tracing Service (ITS) und des DeGeDe-Projekts 'Zusammenleben neu gestalten' für Menschen aus der haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus befanden sich Millionen von Displaced Persons auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches: Überlebende der Konzentrationslager, nach Deutschland verschleppte Zwangsarbeiter sowie jüdische Menschen, die dem Holocaust entkommen waren. Ein großer Teil von ihnen kehrte später in die jeweiligen Herkunftsländer zurück. Diejenigen, für die eine Rückkehr wegen der politischen Situation in Osteuropa oder der Angst vor antisemitischen Übergriffen nicht in Frage kam, emigrierten in ein Drittland. Einige verblieben als sogenannte 'Heimatlose Ausländer' in der Bundesrepublik. Die Geschichte der Displaced Persons verweist nicht nur auf den von den Deutschen verübten Völkermord, sondern auch auf die Heterogenität der deutschen Gesellschaft und den Umgang der Alliierten mit 'Displacement' nach 1945.
Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte kann dazu beitragen, unser Bild von der deutschen Gesellschaft und ihrer (fort)bestehenden heterogenen Verfaßtheit zu schärfen und Homogenitätsvorstellungen in Geschichte und Gegenwart kritisch zu betrachten. Für die Auseinandersetzung mit den gegenwärtig geführten Diskussionen zum Thema Flucht und Menschenrechte können so wichtige Impulse gegeben und Erkenntnisse im Hinblick auf die Wahrung der Würde des Menschen und des Rechts auf Selbstbestimmung deutlich gemacht werden."
Historische Einblicke, Handlungssicherheit im Umgang mit Heterogenität, Stärkung in der Auseinandersetzung mit Rassismus und Anfeindungen müssen denjenigen vermittelt werden, die in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe aktiv sind. Besorgte Bürger oder rechter Rand?
Zu einem Vortrag mit Diskussion zum Thema: „Die extreme Rechte – Gefahr für die Demokratie“ läd die Friedrich-Ebert-Stiftung im November 2017 ein.
"Das politische System ist in Bewegung. Durch Pegida und AfD wird versucht, fremdenfeindlichen Haltungen eine Stimme zu geben, die sich mittlerweile auch in einigen Parlamenten wiederfindet. Aber auch im Netz und auf der Straße werden rechtsradikale Tendenzen zunehmend präsenter. Das Phänomen von extrem rechten Einstellungen in der Gesellschaft, von rechtspopulistischen oder rechtsextremistischen Gruppierungen und Par-teien, ist nicht neu. Dennoch sorgen sich viele Menschen um den Zustand und die Zukunft unserer Demokratie. Vor diesem Hintergrund soll zum Ausgang des Wahljahrs 2017 eine kritische Analyse der aktuellen Situation in Deutschland vorgenommen werden. In einem zweiten Schritt wird konkret die Situation im Kreis Bergstraße angesprochen, Problemfelder identifiziert und Handlungsansätze diskutiert. Gäste der Veranstaltung unter Moderation von Karin Hartmann (Mitglied der SPD-Landtagsfraktion) sind Martin Wei-nert (Landesbüro Hessen der Friedrich-Ebert-Stiftung), Prof. Dr. Benno Hafeneger (Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg) Manfred Forell (Sprecher der Initiative gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit im Kreis Bergstraße), Pfarrer Arno Kreh (Dekan im Evangelischen Dekanat Bergstraße)."
Hessen kann seine Flüchtlinge gut verkraften...
In den letzten Jahren sind Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen – viele davon auch nach Hessen. 70 Prozent der Hessen sagen jedoch: das kann unser Bundesland verkraften. Mit den Zahlen sieht der Interkulturelle Beauftragte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Pfarrer Andreas Lipsch, seine alltägliche Erfahrung bestätigt. Lesen Sie hier mehr dazu.
Die Hessen sehen die Einwanderung tausender Flüchtlinge aus Krisengebieten meist sehr pragmatisch - zum einen können sie sich vorstellen, was es heißt, seine Heimat aufgrund von Krieg und Verfolgung verlassen zu müssen, auf der anderen Seite sehen viele auch die Chance für Deutschland und Hessen in der Zuwanderung: viele unbesetzte Stellen auf dem Arbeitsmarkt können nun durch Flüchtlinge besetzt werden. Im direkten Kontakt bauen die Hessen weitere Vorurteile ab, so Lipsch. Eine Diskrepanz sehen viele jedoch zwischen politischem Diskurs und gesellschaftlicher Realität: oft werde die Flüchtlingsthematik instrumentalisiert, um eine bestimmt Minderheit zu bedienen. Selbst etablierte Parteien nehmen diese Argumentation auf, wie Lipsch kritisiert. Aktuell müssen übrigens die unzähligen ehrenamtlichen Helfer vor allem dafür sorgen, daß die Geflüchteten, inzwischen im dritten Jahr in Deutschland, zum einen Arbeit finden und ihre Deutschkenntnisse diesen Erfordernissen anpassen, zum anderen aber: auch immer wieder darauf achten, daß die Geflüchteten keine Knebel-Arbeitsverträge bekommen, in denen der Mindestlohn ausgehebelt wird. Fälle von acht Monaten unbezahltem Praktikum - immer mit dem Versprechen auf einen Arbeitsvertrag - sind mir leider bekannt.
Flüchtlingswellen sind nichts Neues: von der Völkerwanderung bis zum 30jährigen Krieg
weltweit war seit 2012 eine steigende Zahl von Flüchtlingen unterwegs: 45 Millionen 2012, 65 Millionen 2016. Der Zweite Weltkrieg löste eine Fluchtbewegung für 30 Millionen Menschen aus, der Bangladesh-Krieg 1971 sogar 40 Millionen. Die Völkerwanderung nach dem Einfall der Hunnen in Europa (4.-6. Jh. n. Chr.) interessierte leider stets nur die Strategen unter den Historikern, nicht die Humanisten, und so ist über die Zahl der betroffenen Menschen nichts überliefert, ebensowenig wie über die Leidtragenden der christlichen Kreuzzüge (11.-13. Jh.).
Im 16. Jahrhundert kamen die Hugenotten zu uns, heute überall wohlangesehen und integriert. Marquardt und Lantelme etwa sind hugenottische Familiennamen.
Schwabenkinder kamen aus Vorarlberg, Tirol, der Schweiz und Liechtenstein zu den Kindermärkten in Oberschwaben, um als Saisonarbeitskräfte bei schwäbischen Bauern zu arbeiten.
In den Odenwald kamen nach dem 30jährigen Krieg, als hier manche Dörfer aufgehört hatten zu existieren, etliche Schweizer Familien. Sie wurden sogar aufgefordert, sich hier anzusiedeln, denn der Odenwald war nach dem 30jährigen Krieg so gut wie menschenleer. Deshalb holten die Landesherren - unterstützt durch das Toleranzedikt, das eine gewisse Glaubensfreiheit zuließ - auch zahlreiche Zuwanderer anderer Glaubensgemeinschaften ins Land, damit Ortschaften, Felder und Wälder wieder versorgt werden konnten.
Die Schweizer ihrerseits waren froh, im Odenwald eine neue Heimat zu finden: denn sie hatten während des 30jährigen Krieges ihre Lebensmittel teuer in die Kriegsgebiete verkauft, hatten expandiert und Hypotheken aufgenommen. Als das Land nach Kriegsende wieder erblühte, brachen ihre Absatzmärkte zusammen, die Schweizer waren hochverschuldet.
2. Weltkrieg und DDR:
Im Landkreis Bergstraße wurden im Frühjahr 1947 21741 Flüchtlinge registriert, die zum größten Teil (15561) aus dem Sudetenland kamen. Weitere Flüchtlinge kamen aus dem Gebiet östlich der Oder-Neisse-Linie, aus Ungarn, Polen, Rumänien, Österreich und Jugoslawien. Zwischen 1944 und 1946 wurden rund 12 Mio Deutsche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben, flohen oft unter Lebensgefahr Richtung Westen, mußten ihren gesamten Besitz zurücklassen.
1946/47 kamen 55 Bahntransporte in den Kreis Bergstraße, 44 davon aus dem Sudetenland. Der Kreis-Flüchtlingskommissar Adam Stock quartierte sie in den Wohnhäusern der Einheimischen ein.
Flüchtlingswohnheime entstanden erst in den 50er Jahren.
Vertriebene und Flüchtlinge weltweit aktuell
2012 waren weltweit 45,2 Millionen Menschen auf der Flucht, zwei Drittel von ihnen waren Binnenvertriebene. 2013 gab es schon 51,2 Millionen, 2014 zogen 59,9 Millionen heimatlos durch die Welt, 2015 waren es 65,3 und 2016 dann 65,6 Millionen Menschen.
Quellen:
1. "Schweizer im Odenwald" von Werner Heil, Otzberg 2017, ISBN: 9783946295402
2. Museum Bensheim, Stadtkultur Bensheim